Ein Mann geht an Kratern vorbei, die sich in der Nähe des Kibbuz En Gedi im Jordantal im Boden aufgetan haben. (Archivbild) © JONATHAN NACKSTRAND/AFP/Getty Images

Von Jerusalem zum Toten Meer dauert die Fahrt nur gut eine Stunde, fast immer geht es bergab. Nackte runde Bergrücken und ausgedehnte Mondlandschaften erinnern an Star Wars-Kulissen. Hinweisschilder zeigen an, wie weit man schon ist: Zuerst 100, dann 300 Meter unterm Meeresspiegel – bis endlich der tiefste begehbare Punkt der Erde erreicht ist.

Hier verläuft die Küstenstraße 90. Das Tote Meer ist immer noch nicht zu sehen, stattdessen Häusergerippe, eingefallene Bushäuschen und Caféhausruinen. Am Straßenrand warten einige Männer mit Kamelen auf die Gelegenheit, sich als Fotomotiv ein paar Schekel zu verdienen. Sie haben kaum etwas zu tun. Es ist nicht zu übersehen: Touristisch ist die Region am Ende.

Rund anderthalb Meter pro Jahr weicht die Küstenlinie des Toten Meeres zurück, das geht schon seit Jahrzehnten so. Der Hunderte Quadratkilometer große Salzsee trocknet aus – ein ökologisches Desaster, für das sich bis vor einigen Jahren außer den Anwohnern kaum jemand interessierte. Mittlerweile aber wird klar, wie weitreichend die Folgen sind, für den Tourismus, die Einheimischen und die gesamte Region.

Trinkwasser ist knapp und umstritten

Der Wasserspiegel sinkt, seit Israels Regierung in den 1960er Jahren den Jordan so gut wie leer pumpte und seinen Zufluss Yarmouk sowie den See Genezareth staute. Der Jordan ist der wichtigste Zufluss des Toten Meers; und er ist politisch umstritten: Israel stützt seine Trinkwasserversorgung hauptsächlich auf ihn. Doch an den Fluss grenzen auch der Libanon, Syrien und Jordanien, die ebenfalls ihren Anteil am Wasser verlangen.

Seit Israel den Jordan so sehr beansprucht, zieht sich das Tote Meer zurück. Die Hotels, Ferienhäuser, Badeanstalten und Strandbars wandern der Küstenlinie immer wieder hinterher, oder sie werden verlassen und verfallen.

Als wäre das nicht bedrohlich genug, bricht seit einigen Jahren Anwohnern und Besuchern buchstäblich der Boden unter den Füßen weg. Bis zu 30 Meter breite Einsturzlöcher, sogenannte sinkholes, säumen weite Teile der Küste. Und täglich kommt eines hinzu, erklärt der israelische Geologe Eli Raz. Vor vier Jahren brach er selbst während der Arbeit ein; 14 Stunden dauerte es, bis man ihn aus dem Erdloch befreite.

Bald könnte die gesamte Küstenlinie des Toten Meeres, samt der Straße Nummer 90, den Spa-Hotels und Badeanstalten von den Löchern verschlungen werden, fürchtet Raz. Millionenschäden wären die Folge. Der Campingplatz in En Gedi, einer Oase an der Küste, musste wegen der sinkholes schon geschlossen werden.