Bling-Bling-Ring mit Dollar-Zeichen © Mike Segar/Reuetrs

Das Mantra einer starken US-Währung gehört zu den ersten Amtspflichten jedes amerikanischen Finanzministers: "Ein starker Dollar ist gut für Amerika", erklärte Jack Lew, aktueller Amtsinhaber, jüngst wieder bei einer Presserunde. Stimmt das wirklich? Amerikas große Unternehmen leiden unter einer starken Währung: Gewürzkönig McCormick, Motorradlegende Harley Davidson, Zahnpastahersteller Colgate und Suchgigant Google – quer durch alle Branchen jammern CEOs über Umsatzeinbußen durch den Auftrieb des Dollars.  

Der starke US-Dollar trifft vor allem die amerikanischen Multis, von denen viele über 40 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaften. Nicht nur, dass der Wechselkurs ihr Produkt im Export teurer macht, ihre Umsatzerlöse aus dem Ausland schrumpfen auf Dollarbasis deutlich. Amerikas Währung ist auf einem Elf-Jahres-Hoch gegenüber dem Euro, der Yen notiert so niedrig wie in acht Jahren nicht. Und der Druck wird täglich höher: Weltweit liefern sich die Notenbanken von Singapur, über Kanada bis Kirgisistan ein Wettrennen, wer schneller abwerten kann.

Mario Draghis Anleihekäufe sind angeblich nicht auf eine Euroschwäche gerichtet, das sei quasi nur ein Nebeneffekt, beteuert der EZB-Chef. Blödsinn, mein Robert Brusca, Chef-Ökonom bei FAO Economics in New York. "Das ist die einzige Schiene, auf der QE in Europa überhaupt funktionieren kann." Denn anders als in den USA läuft in Europa so gut wie alle Finanzierung über die Banken und nicht über Unternehmensanleihen.

Billigere Kapitalmarktzinsen helfen den Unternehmen deshalb nur bedingt. Matteo Renzi, der italienische Premier, erklärte dem Wall Street Journal ganz offen, sein Traum sei die Parität des Euro zum Dollar. Der schwache Euro würde dann wettmachen, was seinem Land an Wettbewerbsfähigkeit fehlt. Italiens Produktivität liegt bei 73 Prozent im Vergleich zu den USA.

Mehr Konkurrenz für made in USA

Stark ist der Dollar, weil die USA schneller wachsen als die großen Volkswirtschaften drumherum. Zwar ist es mehr ein Fall von "der Einäugige unter den Blinden": Das durchschnittliche US-Wachstum betrug 2014 gerade mal 2,4 Prozent. Aber davon sind Europa und Japan immer noch weit entfernt. So hoffen die Währungskrieger, ein Stück von dem Apple Pie der Amis zu ergattern. Dazu kommt, dass der Doller wieder einmal der sichere Hafen ist, in den Anleger aus aller Welt flüchten. Umso mehr, als nach der Aktion der Schweizer Notenbanker, die den Franken über Nacht vom Euro losmachten, die andere internationale Zuflucht neuerdings nicht mehr so stetig scheint.

Ökonomen weisen gerne darauf hin, dass eine starke Währung auch positive Effekte hat. Sie macht Importe billiger. Und tatsächlich haben die Amerikaner in den vergangenen Monaten so kräftig eingekauft wie lange nicht. Doch für die Waren made in USA bedeutete das mehr Konkurrenz auf dem heimischen Markt. "Amerika verliert den Währungskrieg", klagte der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich eine starke US-Währung als Dämpfer für die US-Wirtschaft erweist. Zu Reagans Zeiten, Anfang der achtziger Jahre, kämpften die US-Konzerne nicht nur mit der japanischen Konkurrenz, sondern auch mit einer teuren Währung. Mit China haben sich die USA seit Jahrzehnten ein Tauziehen um eine Aufwertung des Renminbi geliefert. Der niedrige Kurs erleichterte es den chinesischen Herstellern lange Zeit, den amerikanischen Markt mit günstigen Produkten zu fluten. Die Folge war die massive Abwanderung des US-Industriesektors ins Ausland. Zurück blieben Arbeitslose.

Weniger Investitionen im Energiesektor

Es besteht das Risiko, dass der Dollar Amerikas Aufschwung ausbremst. Die jüngste Wachstumsrate von 2,6 Prozent im vierten Quartal ist ein Alarmsignal – noch im dritten Quartal hatte die US-Wirtschaft knapp fünf Prozent zulegen können. Neben dem Dollar ist es vor allem der drastisch gefallene Ölpreis, der sich auswirkt. Im Juni 2014 lag der Ölpreis bei 104 Dollar pro Barrel, vergangene Woche notierte er kurzfristig unter 44 Dollar. Das scheint auf den ersten Blick der geltenden Logik zu widersprechen. Schließlich bedeuten niedrige Energiekosten sinkende Verbraucherpreise. Und die gesunkenen Preise an den Zapfsäulen – im US-Durchschnitt kostete Sprit 51 Cent pro Liter – erfreuten Autofahrer und Transportunternehmen.

Doch der niedrige Ölpreis hat bei Öl- und Gasunternehmen dazu geführt, dass sie ihre Neuinvestitionen zusammenstreichen. Der südafrikanische Energiekonzern Sasol Ltd. sagte vergangene Woche den Bau einer elf Milliarden Dollar teuren Anlage in Louisiana ab. Zwei Tage später kündigte Ölgigant Chevron an, das Budget für Förderprojekte um fünf Milliarden Dollar zu reduzieren. Kleinere Konkurrenten haben ihre geplanten Investments sogar halbiert. Betroffen von den Kürzungen sind nicht nur die Energieunternehmen selbst, sondern Industrien, die etwa Pipelines, Tanks und Anlagen für die Energiebranche liefern. US Steel hat ein Werk in Ohio vorerst stillgelegt und 640 Arbeiter nach Hause geschickt.

Auch in Texas hat sich der Rückschlag bemerkbar gemacht. Der Texas Activity Index, mit dem die Notenbank von Dallas die Wirtschaftsaktivitäten in dem Bundesstaat misst, ist bei der letzten Lesung im Januar um 4,4 Punkte gefallen, im Dezember war es noch ein Plus von 3,5 gewesen. Ein Warnzeichen, sagt Ökonom Brusca. "Texas hat enorm zum Jobwachstum in den USA beigetragen." Zusammen mit dem starken Dollar werde der Öl-Schock die US-Wirtschaft weit härter treffen als von vielen erwartet. Schadenfreude wäre allerdings verfehlt: Sinkt jetzt auch noch Amerika zurück in die Stagnation, dann schwinden die Chancen auf Wachstum in Europa weiter.