Wachsende Armut: In Deutschland sind mehr als 12 Millionen Menschen betroffen. © Sean Gallup/Getty Images

Die Armut in Deutschland ist nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes auf einen historischen Höchststand gestiegen. Dem Armutsbericht zufolge waren 2013 rund 12,5 Millionen Menschen betroffen, die Armutsquote sei von 15 auf 15,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. "Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute", sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. "Deutschland ist armutspolitisch eine tief zerklüftete Republik." Es falle regional regelrecht auseinander. 

Dem Bericht zufolge ist der Anstieg der Armut zwar flächendeckend zu beobachten, bis auf Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen habe sie in allen Ländern zugenommen. Am stärksten seien aber die Bundesländer Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern betroffen – und die "regionale Zerrissenheit" habe sich noch verschärft: Der Abstand zwischen der am wenigsten und der am meisten von Armut betroffenen Region habe sich im Vergleich zu 2006 von 17,8 auf 24,8 Prozentpunkte vergrößert.  

"Als neue Problemregion könnte sich neben dem Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen auch der Großraum Köln/Düsseldorf entpuppen", heißt es in einer Mitteilung des Verbands. Unter den dort mehr als fünf Millionen Menschen sei die Armut mittlerweile auf deutlich überdurchschnittliche 16,8 Prozent gestiegen.

Als arm gelten nach einer Definition der EU Personen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren gesellschaftlichen Einkommens verfügen. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband werden in Deutschland Einpersonenhaushalte mit einem Einkommen von weniger als 892 Euro pro Monat als arm bewertet. Bei einer Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1.872 Euro.

"Ergebnis politischer Unterlassungen"

Schneider forderte ein umfassendes Maßnahmenbündel zur Armutsbekämpfung. "Armut und regionale Ungleichheit sind in erster Linie hausgemacht und das Ergebnis politischer Unterlassungen", sagte der Geschäftsführer. Nötig seien neben einer deutlichen Erhöhung der Regelsätze von Hartz IV etwa Reformen des Familienlastenausgleichs und der Altersgrundsicherung. Voraussetzung dafür sei ein rigoroser steuerpolitischer Kurswechsel, der große Vermögen und Einkommen stärker als bisher zur Finanzierung des Sozialstaats heranziehe, so der Verband. 

Vom Risiko, arm zu werden, sind dem Bericht zufolge vor allem Alleinerziehende mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent betroffen. Daneben wachse der Armutsanteil besonders stark unter Rentnern. "Wir haben es hier mit einem armutspolitischen Erdrutsch zu tun", sagte Schneider angesichts eines Anstiegs der Armut in dieser Gruppe um 48 Prozent seit 2006.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband widersprach auch dem Eindruck, die Einkommensschere in Deutschland schließe sich wieder. Im Gegenteil: So stark wie in den letzten Jahren habe sich die Schere erst einmal zuvor geöffnet, von 2010 auf 2011. "Nicht nur in der Höhe ist ein Rekord erreicht worden, auch die Dynamik der Entwicklung hat wieder angezogen", teilte der Verband mit.

Wirtschaft brummt, Armut steigt

Der Sozialverband VdK nannte es angesichts der guten wirtschaftlichen Lage "paradox, dass sich Armut für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht nur verfestigt, sondern der Strudel sogar noch weiter abwärts zieht". Präsidentin Ulrike Mascher machte für die wachsende Altersarmut die Rentenentwicklung der vergangenen Jahre verantwortlich. "Das Rentenniveau muss bei 50 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns stabilisiert werden", forderte sie. Erforderlich sei hierzu die dauerhafte Streichung der Dämpfungsfaktoren in der Rentenanpassungsformel.

Gewerkschaften und Experten forderten zur Armutsbekämpfung zügige Schritte zur Eindämmung prekärer Beschäftigung. Viele Menschen seien trotz Arbeit arm, sagte der Gießener Politikwissenschaftler und Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sagte: "Prekäre Arbeit wie Leiharbeit und der Missbrauch von Werkverträgen muss zurückgedrängt werden."

Zudem müssen laut Huster fällige Steuern auch tatsächlich effektiv eingetrieben werden. Dann könne das Vermögen etwas gerechter verteilt werden. "Deutschland ist ein reiches Land – im Schnitt werden hier über 30.000 Euro pro Jahr und Einwohner erwirtschaftet", sagte Huster. "Doch acht Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze." Gleichzeitig würden die Reichen laut den offiziellen Statistiken immer reicher. "Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögens." Manche Berechnungen gingen von mehr als 60 Prozent aus.