Finanzminister Wolfgang Schäuble will seine harte Haltung gegenüber Griechenland nicht aufgeben. © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Auch an den Tagen, in denen alles wie im Fluss erscheint, weicht Wolfgang Schäuble nicht zurück. In London deutet der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis einen Kompromiss an. Die Griechen geben die Forderung nach einem Schuldenschnitt auf und wollen umschulden. Doch der deutsche Finanzminister stellt in Berlin klar, dass er sich als Gläubiger vom Schuldner nicht die Bedingungen diktieren lassen wird: "Wir werden einseitige Veränderungen des Programms nicht akzeptieren."

Und die Troika, mit denen die Griechen nicht mehr zusammenarbeiten wollen? Sie ist für Schäuble Bestandteil der europäischen Verträge. Und die "kann man nicht ändern". Also: Keine Hilfe ohne diese verhasste Form von Kontrolle. Schäuble ist kein einsamer Rufer. Die Union steht fest hinter ihm, ebenso wie die SPD und große Teile der Bevölkerung.

Die Bundesregierung, aber auch weite Teile der Wirtschaft und der Medien sind zu den schärfsten Verfechtern eines Rettungskurses geworden, der – vereinfacht gesagt – Sparen den Vorzug vor Wachstum gibt. Und der Angst schürt, dass durch das Anleiheprogramm der EZB in den Südstaaten jeglicher Reformeifer wieder erlahmt. 

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Dass die Deutschen in Europa so etwas wie der last man standing nicht nur gegen Griechenland, sondern auch die Rettungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) geworden sind, birgt eine gewisse Ironie. Marcel Fratzscher ist einer der wenigen deutschen Ökonomen, die in der immer stärker werdenden Kritik an der Rettungspolitik etwas Schräges sehen. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt, die Kritik schade nicht nur der Notenbank, sondern auch Deutschland. Für den Regierungsberater ist sie vor allem eins: ein großes Rätsel.

Natürlich ist Deutschland allein durch die Griechenland-Rettung enorme finanzielle Risiken eingegangen (die Bundesregierung steht für mehr als 50 Milliarden Euro der Hilfskredite von rund 240 Milliarden Euro gerade). Doch unter dem Strich und abzüglich aller unbestrittenen Nachteile ist Deutschland der große Gewinner des Europolys. Vier Gründe, warum Deutschland stark von der Krise profitiert:

1) Die Demografiefalle wird entschärft

Die Strahlkraft der deutschen Wirtschaft (und der Einbruch in den Südländern) haben Deutschland zum attraktiven Ziel für junge Griechen, Spanier und Portugiesen gemacht. "Deutschland erscheint auf der Migrationslandkarte", sagt Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "Dass gut ausgebildete Spanier Deutsch lernen, ist ein großer Vorteil für Deutschland." Der OECD zufolge war Deutschland 2013 nach den USA das beliebteste Zuwanderungsland der Welt. Ökonom Boysen-Hogrefe geht davon aus, dass der volle Gewinn sogar erst in rund zehn Jahren sichtbar wird, wenn die Verrentungswelle der Babyboomer einsetzt. "Dann werden wir händeringend jeden Einwanderer brauchen."

2) Deutschland finanziert sich mit Gewinn

Auch wenn Schäuble die EZB-Politik nicht gutheißen will: Ohne die Null-Zinsen hätte er seine schwarze Null im Bundeshaushalt wohl nicht geschafft. Die Bundesregierung kann sich so günstig wie kein anderes Euroland verschulden. Zum Teil ist der Zins sogar negativ – Investoren zahlen Deutschland Geld, um ihr Geld im "sicheren Hafen" parken zu können. Ökonom Boysen-Hogrefe hat den Effekt ausgerechnet: Der Bund musste im vergangenen Jahr rund 30 Milliarden Euro weniger zahlen als noch 2008. Das ist so viel Geld, dass man davon mehr als 88 Fußball-Arenen bauen könnte, wie sie der FC Bayern hat. Bundesanleihen werden so stark nachgefragt, dass die Rendite der zehnjährigen Titel nun sogar erstmals unter diejenige der vergleichbaren japanischen Bonds sank.