Streit um den Netzausbau: Wie viele neue Stromtrassen benötigt Deutschland? © Julian Stratenschulte/dpa

Widerstand ist gut und sinnvoll, wenn man ein überzeugendes, alternatives Konzept anbieten kann. In Bayern setzt sich zurzeit Ministerpräsident Horst Seehofer an die Spitze des Widerstands gegen neue Stromtrassen, ohne ein klares alternatives Konzept zu haben. Damit riskiert er die Versorgungssicherheit Bayerns.

Seehofer hat nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima 2011 Bayern zum Vorreiter der Energiewende ausgerufen. Der Atomausstieg bedeutet für Bayern, dass wir in den nächsten sieben Jahren knapp die Hälfte des gesamten Stroms aus anderen Quellen beziehen müssen als aus Atomkraftwerken.

Die gute Nachricht lautet: Bayern hat genügend Potenzial, sich selbst mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Die kostengünstigsten Quellen sind Wind- und Solarenergie. Um die Atomkraft in Bayern zu ersetzen, wäre für Windkraftanlagen insgesamt nur ein Prozent der Landesfläche nötig, wenn man einen Mindestabstand zu Wohngebieten von einem Kilometer hält. Für Photovoltaik werden nur zwei, für Biogas rund 30 Prozent der Landesfläche benötigt.

Der hohe Flächenbedarf für Biogas zeigt, dass frühere Überlegungen der Staatskanzlei, Bayern über Biogas autark zu machen, nicht realisierbar sind. Da bisher erst drei Prozent des Windpotenzials und ein Fünftel des Solarpotenzials erschlossen sind, gibt es hier noch viel Spielraum. Die Nutzung dieses Potenzials wird derzeit aber politisch nicht forciert – dabei unterstützt die Mehrheit der Trassengegner eine dezentrale Stromversorgung.

Doch die Politik gibt andere Signale: Für die Photovoltaik hat die Bundesregierung die Anreize gestrichen. Für die Windkraft hat die bayrische Landesregierung vergangenen November extrem strenge Abstandsregelungen zu Wohngebieten beschlossen (die sogenannte 10-H-Regelung). Sie machen den Neubau von Windkraftanlagen samt Wertschöpfung in Bayern kaum mehr möglich. Kurz nach dem Beschluss fanden die ersten Veranstaltungen zum Trassenbau in Bayern statt, in denen Bürger lautstark ihren Protest kundtaten.

Warum brauchen wir die Trassen? Niemand will einen Blackout riskieren, Privathaushalte, Unternehmen, Krankenhäuser wollen zu jeder Tag- und Nachtzeit mit Strom versorgt sein. Da Wind- und Solarenergie wetterabhängig sind, brauchen die Erneuerbaren einen Ausgleich über Netzausbau, flexible Kraftwerke, dem Lastmanagement und Speicher.

Der Netzausbau ist die mit Abstand günstigste Option. Das belegen zahlreiche Studien. Kommen die Stromtrassen nicht, droht Deutschland eine Aufteilung in zwei Strompreiszonen: Höhere Strompreise für Süddeutschland, niedrigere im Norden, weil dort der günstige, grüne Windstrom produziert wird. Preiszonen sind kein Hirngespinst, sondern Realität, wie sie auch bereits in Schweden auf Druck der EU umgesetzt wurden. Zudem machen Netze die Stromversorgung robuster: Die Bundesländer können grenzüberschreitend erneuerbare Energie austauschen und damit die Versorgungssicherheit Deutschlands erhöhen.

Entscheidend ist nicht die Anzahl der Trassen, sondern der Bedarf und der ist sehr hoch. Nicht umsonst wurde der Netzausbau entsprechend des Netzentwicklungsplans 2012 an die Abschalttermine der Atomkraftwerke angelehnt und von der Bundesregierung unter Beteiligung der CSU beschlossen. Darin sind neben wichtigen, aber nicht ausreichenden Maßnahmen der Netzverstärkung auch zwei neue Trassen nach Bayern enthalten.