ZEIT ONLINE: Frau Peters, verschenken Sie Rosen zum Valentinstag?

Silke Peters: Nein, aber ich verschenke oft Blumen. Aber da Freunde und Familie wissen, womit ich mich beruflich beschäftige, bekomme ich nur selten einen Strauß geschenkt. Ich finde das sehr schade.

ZEIT ONLINE: Dabei sind Sie eine profilierte Kritikerin der Zustände im globalen Blumengeschäft.

Peters: Die Produktionsbedingungen sind ja tatsächlich oft sehr schlecht. Der massive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln macht die Arbeiter krank und verseucht die Böden. In tropischen Ländern erhalten die Pflückerinnen einen Stundenlohn, der nicht mal zum Sattwerden reicht.

ZEIT ONLINE: Wäre es da nicht besser, gar keine Blumen mehr zu kaufen?

Peters: Mit einem Boykott wäre niemandem geholfen, im Gegenteil. Die Arbeiterinnen auf den Blumenfarmen – oft sind es ja Frauen – würden dadurch ihren Job verlieren, und damit ihre Existenzgrundlage.

ZEIT ONLINE: Von welchen Ländern sprechen wir? Woher kommen die Rosen, die in Deutschland verkauft werden?

Peters: Vor allem aus Kenia. Langstielige Rosen mit besonders großen Köpfen werden oft aus Ecuador und Kolumbien importiert. Äthiopien ist ein Newcomer, dessen Marktanteil wächst.

ZEIT ONLINE: Wenn ein Boykott nicht hilft, was kann der Kunde dann tun?

Peters: Deutschland ist weltweit der drittgrößte Markt für Schnittblumen. Es ist paradox: Die Leute mögen Blumen sehr – dennoch gibt es kaum Wertschätzung für das Produkt und die Arbeit, die dahintersteckt. Es wäre gut, wenn sich das ändert.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit fehlender Wertschätzung?

Peters: Blumen verkaufen sich vor allem gut, wenn sie günstig sind. Die Folge ist: Rosen beispielsweise sind viel zu billig zu haben. Niemand sieht die Mühe und Sorgfalt, mit der sie kultiviert und geerntet werden. Sie müssen von Hand gepflückt werden. Eine gute Pflückerin erkennt genau den Erntezeitpunkt, wenn die Größe des Blütenkopfes in einem bestimmten Verhältnis zur Länge des Stiels steht. Sie braucht Erfahrung, um gut zu arbeiten. All das kostet. Wir sollten bereit sein, einen fairen Preis für die Mühe zu zahlen.

ZEIT ONLINE: Was wäre denn ein fairer Preis?

Peters: Im Moment ist er jedenfalls zu niedrig. Ein Importeur zahlt etwa 19 Cent pro Rose. Nur zweieinhalb Cent davon sind Arbeitskosten – der Lohn, den die Pflückerinnen erhalten, ist noch niedriger. Der Transport hingegen kostet rund 6 Cent. Das Problem ist: Die meisten Kosten sind fix, und der Produzent hat keine Macht, sie zu beeinflussen. Die einzige Ausnahme sind die Arbeitskosten.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn die deutschen Konsumenten mehr zahlten: Wer garantiert ihnen, dass die Pflückerinnen davon profitieren?

Peters: Natürlich gibt es keine Garantie. Aber die Kunden senden durch ihr Einkaufsverhalten Signale, und ich glaube, dass die Produzenten das sehr wohl registrieren. Vielleicht ist das idealistisch. Aber ich finde, wenn wir global produzierte Waren kaufen, sollten wir uns mit den Wertschöpfungsketten auch auseinandersetzen: mit den ökologischen und sozialen Kosten, mit den realen Preisen.

ZEIT ONLINE: Höhere Löhne können auch kontraproduktiv sein. Sie selbst beschreiben das in Ihrem Buch Blühende Geschäfte. Steigt der Mindestlohn, zieht die Rosenfarm ins Nachbarland, etwa von Kenia nach Äthiopien. Oder sie entlässt Arbeiter und erhöht den Druck auf die Übriggebliebenen.

Peters: Kenia ist ein gutes Beispiel. Dort gibt es eine hochwertige Produktion, qualifizierte Fachkräfte, die etwas besser bezahlt werden als anderswo, und Umweltauflagen. Manche Betriebe sind deshalb nach Äthiopien gezogen, wo die Kosten niedriger sind. Das ist ein Dilemma, aus dem die kenianische Regierung nicht so leicht entkommt. Wären die Konsumenten aber bereit, generell höhere Preise zu zahlen, könnte das die Möglichkeit zu einer nachhaltigen Entwicklung eröffnen.

ZEIT ONLINE: Das klingt ziemlich vage. Wie viel Macht haben die Kunden überhaupt?

Peters: Ganz ehrlich? Ich glaube, die Macht der Kunden wird überschätzt. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Welt dadurch retten, dass man die richtigen Dinge kauft. Nur die Politik kann wirklich grundlegende Veränderungen bewirken, etwa indem sie verbindliche Mindeststandards vorschreibt.

ZEIT ONLINE: Nachhaltigkeitssiegel setzen auch Mindeststandards. Zum Beispiel Fair Trade.

Peters: Fair-Trade-Rosen werden oft sehr günstig verkauft; das ist das völlig falsche Signal. Es entsteht der Eindruck, wir könnten uns fair verhalten, ohne wirklich höhere Preise zu zahlen. Allerdings ist Fair Trade auf dem Blumenmarkt im Moment das glaubwürdigste Siegel. Irgendjemand muss ja Standards setzen und sie kontrollieren. Mein Problem ist eher die Nachricht an den Verbraucher: Dem Kunden wird suggeriert, er kaufe ein Premiumprodukt. Im Umkehrschluss heißt das: Es ist völlig normal, die Arbeiter für den Massenmarkt auszubeuten. Menschenrechtsverletzungen als Normalzustand – das kann doch nicht richtig sein.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie nun den Verliebten, die zum Valentinstag Rosen verschenken möchten?

Peters: Ich würde auf jeden Fall im Fachhandel kaufen und den Verkäufer im Laden in ein Gespräch verwickeln: Woher kommen die Blumen? Wie werden sie angebaut? Können die Pflückerinnen von ihrem Lohn leben? Es ist wichtig zu zeigen, dass uns das interessiert. Wer sich weiter engagieren will, sollte Nichtregierungsorganisationen unterstützen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Deren Arbeit halte ich für sehr wichtig.