In den letzten Jahren fanden sich die Deutschen ziemlich gut. Die Wirtschaft wuchs schneller als bei unseren Nachbarn, die Arbeitslosigkeit sank, die Wettbewerbsfähigkeit stieg, das Haushaltsdefizit schrumpfte, und am Ende war die Schwarze Null geschafft. Wir waren mächtig stolz, bis wir merkten: Es freut sich ja keiner mit! 

Im Gegenteil. Deutschland bekommt Prügel wie schon lange nicht mehr. In Athen trugen sie Schilder, auf denen stand "Gute Nacht, Frau Merkel". Da hatten die Griechen gerade Alexis Tsipras zu ihrem neuen Regierungschef erkoren und tanzten auf den Straßen, als hätten sie zugleich die Bundeskanzlerin abgewählt.

Und was machte der Wahlsieger? Direkt von seiner Vereidigung fuhr er zum Mahnmal für die griechischen Widerstandskämpfer und verneigte sich vor den Opfern der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Die Geste eines Populisten, mochte man meinen. Aber der Funke war schon auf Spanien übergesprungen. In Madrid demonstrierten Hunderttausend Anhänger der Podemos-Bewegung, und deren Sprecher Pablo Iglesias, ein guter Freund von Alexis Tsipras, grüßte den Mitstreiter in Athen, "der sich gegen die deutsche Besatzung zu wehren weiß".

Natürlich repräsentieren Tsipras und Iglesias nicht Europas politische Klasse. Aber glaube niemand, die Revolte im Süden stoße nicht auch andernorts auf klammheimliche Genugtuung, auch bei Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten. Zu mächtig ist Deutschland geworden. Zu sehr gibt es in der europäischen Sparpolitik die Richtung vor. Wobei Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel oder Wolfgang Schäuble selten den falschen Ton anschlagen. Deutsche Großsprecherei kann man dieser Bundesregierung nicht vorwerfen.

Dennoch wachsen rund um uns herum die Zweifel, ob der bisherige Sparkurs der Weisheit letzter Schluss war. Nicht nur linke und rechte Populisten am Rande des Mittelmeers äußern sie. Die Zweifel sind ebenso von hochangesehenen amerikanischen Ökonomen zu hören oder in den Kommentarspalten des Economist und der Financial Times zu lesen.

Einsamer Schäuble in Davos

Beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos, berichtete mein Kollege Uwe Jean Heuser in der ZEIT, wurden die Deutschen "schärfer kritisiert als Russland oder der Iran". Der Grund dafür sei die deutsche Europolitik gewesen. Nicht nur der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers habe sich herablassend über die Deutschen geäußert. Als Wolfgang Schäuble sprach, habe der lustlose Applaus gezeigt, "wie einsam es um die Position seiner Regierung geworden ist".  

Dabei will die Bundesrepublik doch nichts mehr, als ein Land der guten Nachbarn zu sein. Die Deutschen in ihrer großen Mehrheit wünschen sich wahrlich kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland.

Doch wer das möchte, muss bei Kritik noch genauer zuhören. Er darf die eigenen Erfolgsrezepte nicht ganz so selbstgewiss für allgemein verbindlich erklären. Wer ein europäisches Deutschland will, muss sich, wie Helmut Kohl gern sagte, eben zweimal vor der französischen Trikolore verbeugen.  

Deutsches Taktgefühl

Jede deutsche Regierung muss darauf achten, dass sie die Interessen ihrer Nachbarn genauso wahrt wie die eigenen – gerade und ganz besonders die Interessen der kleineren europäischen Länder. Helmut Kohl, der manchmal so tapsig durch die politische Landschaft stapfte, hatte dafür ein gutes Gefühl. So wie sein innenpolitischer Widerpart, der am Wochenende verstorbene Richard von Weizsäcker. Den Politikern dieser Generation musste niemand etwas über die Notwendigkeit deutscher Bescheidenheit und deutschen Taktgefühls sagen – auch wenn sie selbst sich natürlich nicht immer entsprechend verhielten.

Die Süddeutsche Zeitung hat zum Tode Richard von Weizsäckers Auszüge aus einem Interview mit ihm abgedruckt. Darin sagt von Weizsäcker: "Wir sind ringsherum von Völkern umgeben, die gute Gründe haben, uns nicht nahezustehen nach allem, was sie mit uns und durch uns erlebt haben, in der Kriegs- und Nazizeit."

Es ist gut, sich dies hin und wieder in Erinnerung zu rufen. Gerade dann, wenn wir uns mal wieder so richtig gut finden und uns wundern, warum wir damit allein stehen.