ZEIT ONLINE: Herr Schulmeister, Sie haben im Januar zur Wahl von Syriza aufgerufen und standen mit Anhängern von Alexis Tsipras bei seinem Besuch in Wien im Regen vor dem Bundeskanzleramt. Wie finden Sie die Performance der neuen griechischen Regierung bislang?

Stephan Schulmeister: Das ist eine tragische Geschichte und sehr bedrückend. Die Regierung geht derzeit unklug vor.

ZEIT ONLINE: Ihre Begeisterung ist verflogen?

Schulmeister: Das ist ein Missverständnis. Ich bin kein Anhänger von Syriza. Ich habe ihren Wahlsieg aber als eine wichtige Chance angesehen, den wirtschafts- und sozialpolitischen Kurs in Europa sowie das dominierende Weltbild der vergangenen 25 Jahre zu überdenken.

ZEIT ONLINE: Von welchem Weltbild sprechen Sie?

Schulmeister: Ich meine die neoliberale Wirtschaftstheorie, die Vorstellung, dass der Staat, insbesondere der Sozialstaat, sich aus wirtschaftlichen Angelegenheiten zurückziehen soll, während gleichzeitig entfesselte Finanzmärkte unternehmerische Aktivitäten behindern. Solche Spielanordnungen des Kapitalismus hat es in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder gegeben, aber sie haben sich stets selbst zerstört.

Dieser Prozess der Selbstzerstörung geht in Europa munter weiter. Wir haben ja keine Griechenland-Krise, es ist eine Krise in ganz Europa. Europa steckt in einer wirtschaftlichen Depression. Das traut sich kein Ökonom explizit zu sagen, aber es sind alle Zutaten einer Depression vorhanden. Etwa, dass die Binnennachfrage nicht in der Lage ist, zu einem wirtschaftlichen Aufschwung zu führen.

ZEIT ONLINE: Das Auftreten der griechischen Regierung in Brüssel hat, gelinde gesagt, mit diplomatischem Gespür wenig zu tun. Es ist nicht klar, was sie will, und Finanzminister Yanis Varoufakis nennt die Austeritätspolitik "fiskalisches Waterboarding".

Schulmeister: Man muss beide Seiten verstehen. Der Vergleich ist gar nicht so schlecht gewählt, weil er das Gefühl der Griechen, erniedrigt zu werden, widerspiegelt. Aber natürlich möchte sich Wolfgang Schäuble nicht mit jemandem vergleichen lassen, der in Guantánamo Menschen quält. Gleichzeitig will sich das griechische Volk nicht vorhalten lassen, die falsche Partei gewählt zu haben. Damit ist man schnell beim Begriff der marktkonformen Demokratie. Griechenland hat eine demokratische Entscheidung getroffen, die nicht marktkonform ist. Und dafür gibt es in Europa keinen Platz mehr. Sparpolitik, Sozialabbau und marktkonforme Demokratie wurden zu konstitutiven Elementen der EU.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sagen Sie, die griechische Regierung agiere ungeschickt?

Schulmeister: Extrem ungeschickt, das ist gar keine Frage. Die griechische Strategie ist phänomenal gescheitert, das liegt auch an der Psychologie. Herr Varoufakis dürfte ein ausgeprägtes Ego haben und ist als Ökonom ein Politikneuling. Intellektuelle, die in die Politik gehen, machen oft fatale Fehler, weil sie sich obergescheit vorkommen. Nur: Den Preis zahlen Millionen Menschen. Und das wiederum dürfen die christlichen und sozialdemokratischen Politiker Europas nicht zulassen.