Über Griechenland sind eine Menge Missverständnisse im Umlauf. Manchmal ist tatsächlich etwas Wahres dran, doch vielfach wird auch klar: Zitate und Gesten der griechischen Minister werden schnell über- oder falschinterpretiert. Wir haben fünf prominente Meinungen über Griechenland einem Check unterzogen. 

1. Griechische Reeder-Millionäre zahlen keine Steuern

Die griechische Steuerverwaltung ist schwach und ineffizient – unbestritten. Als Beispiel, wie schief die Dinge laufen, müssen immer wieder die griechischen Reeder herhalten. In deutschen Medien sind in diesem Zusammenhang Fotostrecken schwerreicher Reeder zu sehen, die ihr Geld beim Pferdesport oder auf Partys ausgeben.

In der Tat: Reeder zahlen in Griechenland nicht besonders viele Steuern. Ein Grund für die niedrige Besteuerung ist die Art, wie in der Branche die Gewinne in der Regel versteuert werden: Die Grundlage für die Steuererklärung ist nicht der eigentlich anfallende Überschuss, sondern einfach nur die Größe der Schiffe. Griechenland hat diese pauschale Methode, die sogenannte Tonnagegewinnermittlung, bereits im Jahr 1957 eingeführt.

Was in der Debatte oft verschwiegen wird: Die Sonderregelung gilt in fast allen Schifffahrtsnationen. Selbst die deutschen Reeder dürfen seit Ende der 1990er Jahre ihre Steuerlast so reduzieren. "Die Tonnagebesteuerung wird weltweit an allen wichtigen maritimen Standorten gewährt und hat sich international von der Vergünstigung zum Normalbesteuerungsfall gewandelt", heißt es in einer wissenschaftlichen Untersuchung im Auftrag des Finanzministeriums.

Griechische Reedereien zahlen somit meist nicht weniger als deutsche. Die deutsche und die griechische Regelung seien durchaus vergleichbar, bestätigt der Verband Deutscher Reeder. Die Bundesregierung wirbt sogar damit, den Schifffahrtsstandort auf diese Weise zu stärken. In einer Antwort auf eine Anfrage von Abgeordneten im Bundestag hieß es 2011: Dank der Tonnagesteuer sei das deutsche Steuerniveau in der Seeschifffahrt auf ein internationales Niveau abgesenkt worden. Diesen Steuerwettbewerb lässt sich Deutschland sogar Hunderte Millionen Euro kosten. Im Subventionsbericht geht die Regierung für 2011 von 370 Millionen Euro entgangenen Steuereinnahmen aus. Ein Jahr später waren es sogar 520 Millionen Euro.

2. Die Griechen sind faul und geben das Geld anderer Länder aus

Es ist eine beispiellose Kampagne: Flankiert von der Bild-Zeitung und befeuert besonders durch Äußerungen aus der CSU wurden Griechen in den vergangenen Jahren als "faul" gebrandmarkt. "Dass andere an unser Geld wollen, ohne sich dabei zu viel zuzumuten, ist zutiefst menschlich, aber es ist keine Lösung des Problems", befand CSU-Chef Horst Seehofer in einem stern-Interview. Und der heutige Verkehrsminister Alexander Dobrindt warnte, die Eurozone dürfe nicht zum "Hängematten-Club" verkommen.

Tatsächlich arbeitet kein Volk in Europa so viel wie die Griechen. Das legen zumindest Zahlen der OECD nahe, aus denen die BBC zitiert. Die Hellenen führen das Ranking mit den am meisten geleisteten Arbeitsstunden an, gefolgt von Ungarn und Polen. Deutschland schafft es nur auf den vorletzten Platz der Länderauswahl. Den Daten zufolge kommt jeder Deutsche im Schnitt auf knapp 1.400 Stunden im Jahr – die Griechen bringen es auf mehr als 2.000. Allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass die Deutschen wesentlich produktiver sind. Der Vorwurf der Faulheit geht bei den Griechen jedoch ins Leere.

War der Denkmal-Besuch eine Provokation?

Und was ist mit dem Vorurteil, dass mit deutschem Steuergeld nur ein aufgeblähter Beamtenapparat am Leben gehalten wird? Recherchen des griechischen Think Tanks MacroPolis belegen das Gegenteil: Von den 226 Milliarden Euro zur Rettung Griechenlands sind bislang nur 15 Milliarden Euro in den unmittelbaren Betrieb des Staates geflossen – etwa an die Polizei und in Form von Rentenzahlungen. Mehr als die Hälfte der Kredite nutze Griechenland, um Schulden abzulösen.

3. Tsipras' Besuch eines Widerstandsdenkmals war eine Provokation Deutschlands

Es ist eine seiner ersten Amtshandlungen: Nach seiner Vereidigung als Ministerpräsident fährt Alexis Tsipras zum Schießstand von Kesariani. Unter dem Jubel von Anhängern legt er Rosen am Mahnmal für griechische Widerstandskämpfer nieder. Hier hatten deutsche Soldaten rund 600 Gegner hingerichtet.

In Deutschland ist dieser Besuch als gezielte Provokation und klare Kampfansage der Griechen verstanden worden, sich nicht (noch einmal) von den Deutschen unterjochen lassen zu wollen. Stellvertretend für viele ähnliche Kommentare sei hier der Kommentar einer Spiegel-Redakteurin zitiert, die Tsipras' Denkmal-Besuch gleich "in mehrfacher Hinsicht instinktlos" fand: "Er instrumentalisiert das Leid der griechischen Nazi-Opfer, um seinen heutigen Gläubigern Schuldgefühle zu machen. Den Schuldnern wiederum, also dem griechischen Volk, suggeriert er moralische Überlegenheit."

Sicherlich wird die Regierung ein Signal in Richtung Deutschland einkalkuliert haben. Was sie damit aber eigentlich – zumindest nach eigener Darstellung – ausdrücken wollte, ist kaum erwähnt worden. Im Interview mit ZEIT ONLINE und ZEIT widerspricht Finanzminister Yanis Varoufakis der kolportierten Interpretation vehement. "Es war kein Signal in Richtung Deutschlands." Der Besuch sei eine Botschaft an die griechischen Nazis gewesen, die Syriza bekämpfen werde. Die rechte Partei Goldene Morgenröte war bei der Parlamentswahl auf den dritten Platz gekommen. Die offen nationalistische und fremdenfeindliche Partei ist für Fackelzüge bekannt, bei denen auch der Hitler-Gruß gezeigt wurde.

4. "Was immer die Deutschen sagen, sie werden zahlen"

Wie Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden, musste Neueinsteiger Yanis Varoufakis Ende Januar erleben. Der Satz "Was immer die Deutschen sagen, sie werden zahlen" wurde als unverhohlene Drohung des neuen Finanzministers missverstanden und schnell Grundlage politischer Diskussionen (zum Beispiel bei der Sendung Maybrit Illner). Doch Bildblog hat gezeigt: das Zitat wurde völlig sinnentstellt widergegeben. In dem Interview (hier in der englischen Übersetzung) hatte der Ökonom lediglich beschrieben, wie über den Rettungsmechanismus deutsches Steuergeld bei den Griechen landet und von Athen an die Europäische Zentralbank durchgereicht werde. So verschwinde das Geld in einem "schwarzen Loch". Die Deutschen würden trotzdem weiterzahlen – ein fataler Fehler, wie der Volkswirt findet.

Varoufakis vertritt diese Haltung schon seit Jahren. Den Mechanismus beschrieb der frühere Hochschullehrer schon 2011 in einem Gastbeitrag für ZEIT ONLINE so: "Am Ende verschwindet das Geld der deutschen Steuerzahler in einem schwarzen Loch, die Rezession in den Schuldenstaaten verschärft sich und die Unzufriedenheit in Deutschland über die Missstände in Europa wächst."

5. Griechenland reformiert nicht genug

Dieser pauschale Vorwurf ist gerade von deutscher Seite schwierig. Die Agenda 2010 unter dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder gilt zwar in vielen europäischen Ländern als Vorzeigereform. Seitdem aber sind tiefgreifende Reformen ausgeblieben. Die Bundesrepublik gehört sogar zu den sechs Staaten, in denen die OECD die geringste Reformbereitschaft gemessen hat. Ganz vorne, wenn auch mit abnehmender Tendenz: Griechenland.

Vielfach zeigen sich erste Erfolge – zum Beispiel bei der umstrittenen Finanzverwaltung. Die Steuereinnahmen steigen – trotz extrem schwacher Wirtschaft. Insgesamt kamen nach vorläufigen Schätzungen des griechischen Finanzministeriums 2014 knapp 50 Milliarden Euro zusammen. Auch die Verwaltungsreform greift: Die Finanzämter trieben 2012 rund 2,5 Milliarden ausstehende Steuerschulden ein. Ein Jahr später waren es bereits 3,2 Milliarden Euro.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Reformversuche bleiben auf der Strecke. So stellen sich viele, gerade ältere Beamte, gegen den Wandel. Und die jungen Kollegen? Wurden im Zuge des Sparkurses vielfach vor die Tür gesetzt.