Zwei Tage vor der Wahl in Griechenland bekamen einige Journalisten in Athen einen merkwürdigen Anruf. Sie sollen rasch zur Zentralen Steuerfahndung SDOE kommen, dort sei Interessantes vorzufinden. Als einer der Journalisten kurz darauf vor dem stark gesicherten Gebäude eintraf, entdeckte er mehrere Mülltonnen, in denen säckeweise geschredderte oder per Hand zerrissene Dokumente lagen. Wie eine erste Auswertung griechischer Medien ergab, handelte es sich dabei um Unterlagen aus laufenden Steuerverfahren. Die Papiere hätten in keinem Fall einfach vernichtet werden dürfen.

Der Fund illustriert: Auch die abgewählte Regierung unter Antonis Samaras hat den Kampf gegen Steuerhinterziehung nicht wirklich ernst genommen. Der neu gewählte Regierungschef Alexis Tsipras will das ändern. Er ist mit dem Wahlversprechen angetreten, die griechischen Steuersünder zur Verantwortung zu ziehen. "Der große Kampf ist der Kampf gegen die Steuerhinterziehung. Sie ist der wahre Grund, warum unser Land am Rande des Abgrunds steht", sagte Tsipras am vergangenen Sonntag vor dem Parlament. "Die neue Regierung garantiert, dass in diesem Land Gerechtigkeit walten wird."

Gerechtigkeit hat es in der Vergangenheit nur wenig gegeben. Bestätigen kann das Haris Theoharis. Er war bis zum Sommer 2014 der höchste Steuerbeamte des Landes. Wer ihn heute dazu befragen will, muss in einen klapprigen Aufzug steigen, der hinaufführt zu seinem Büro im Athener Stadtzentrum. Theoharis ist mittlerweile Abgeordneter der neuen Zentrumspartei To Potami, die mit etwas mehr als sechs Prozent erstmals den Einzug ins Parlament geschafft hat.

Griechen vertrauen dem Staat nicht

"Die Regierung wollte nicht, dass wir hart gegen bestimmte Leute ermitteln", sagt er. "Deshalb bin ich aus dem Amt geschieden." Dabei sei es bis dahin gut gelaufen. Man habe Fortschritte erzielt, auch mit Hilfe der EU-Taskforce. Im Jahr 2013 seien mehr als 90 Prozent der Steuererklärungen auf elektronischem Wege eingegangen. Angesichts der Tatsache, dass es vor einigen Jahren gar keine elektronische Steuererklärung gab, ein Meilenstein.

"Außerdem haben wir 2013 mit unseren Einnahmen die Steuerschätzung übertroffen", sagt Theoharis. "Ich weiß nicht, wann dies das letzte Mal in der griechischen Geschichte vorgekommen ist." Seine Arbeit sei überhaupt der Grund dafür, dass die Regierung im vergangenen Jahr einen Haushaltsüberschuss vorweisen konnte, wenn man die Zinszahlungen der laufenden Kredite außen vor lässt.

Pro Jahr entgehen dem griechischen Staat etwa 30 Milliarden Euro durch Steuerhinterziehung, schätzt der Dachverband der griechischen Industrie. Die Schwarzarbeit liegt bei rund 25 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Im Vergleich der OECD-Mitgliedsländer steht Griechenland mit diesem Wert seit Jahren an der Spitze. In Deutschland lag die Quote zuletzt bei etwa zwölf Prozent. 

Noch kurz vor der Wahl präsentierte die griechische Steuerfahndung eine Reihe spektakulärer Fälle, die wohl auch der Abschreckung dienen sollte. Es wurde berichtet von einem Arzt aus dem Athener Nobelstadtteil Kolonaki, der Rechnungen über 6,2 Millionen Euro nicht dem Fiskus gemeldet hatte. Oder von einem Künstlerpaar, das dem Staat etwa vier Millionen Euro an Einnahmen vorenthielt. Allerdings offenbaren diverse Steuersünder-Listen, die aus den großen internationalen Bankhäusern immer häufiger an die Öffentlichkeit gelangen, dass es noch eine große Zahl ungelöster Fälle gibt. Die bisherigen Regierungen zeigten jedoch wenig Interesse, sich des Problems anzunehmen, weil die vermögenden Griechen privat oder geschäftlich eng mit den Regierenden verbandelt waren.