Die Uniformschachtel für Zigaretten kommt nach Europa. Irland steht als erster EU-Staat kurz davor, das sogenannte Plain Packaging einzuführen: standardisierte, schlammbraune Verpackungen für Tabakwaren ohne Markenlogos, die fast ausschließlich aus Schockfotos und Warnhinweisen bestehen. In der Nacht zu Freitag votierte das Unterhaus in Dublin für einen entsprechenden Gesetzesentwurf der Regierung. Gesundheitsminister James O´Reilly sprach von einem historischen Schritt. Zwar muss das Oberhaus in der kommenden Woche noch zustimmen, dies gilt aber nur noch als Formsache. In zwei Jahren soll die neue Norm in Kraft treten.

Bislang schreibt Australien als einziger Staat der Welt den Zigarettenherstellern Plain Packaging vor. Eine Reihe anderer Nationen wollen nun aber nachziehen, unter anderem Frankreich, Norwegen, Neuseeland oder die Türkei. Großbritanniens Regierung will das Unterhaus noch vor den Neuwahlen im Mai über die Standardschachteln abstimmen lassen. Auf diesen immer gleich aussehenden Verpackungen darf der Markenname nur noch klein und in einer vorgegebenen Einheitsschrift gedruckt werden. Jede individuelle Farbgebung oder Werbehinweise sind verboten.

Nichts fürchten die Tabakmultis so sehr wie Plain Packaging. Hunderte Milliarden Dollar haben Konzerne wie Philip Morris International (Marlboro), Imperial Tobacco (Gauloises) oder British American Tobacco (Lucky Strike) in den Aufbau ihrer Weltmarken gesteckt. Die Schachtel ist einer der letzten Orte, auf denen sie in vielen Staaten noch mehr oder weniger frei für ihre Produkte werben können. Es geht ums ganz große Geld. Pro Jahr erwirtschaftet die internationale Tabakindustrie geschätzte 700 Milliarden Dollar Umsatz. An den Folgen des Rauchens sterben täglich geschätzte 15.000 Menschen.

Die Branche kämpft mit allen Mitteln gegen Plain Packaging. Schon vor der Entscheidung des Dubliner Unterhauses hatte der Konzern JTI (Benson & Hedges) angekündigt, man werde die Regierung verklagen. Philip Morris droht der britischen Regierung mit einem Prozess vor einem internationalen Schiedsgericht. Vor einem dieser umstrittenen Gerichtshöfe hat der weltgrößte private Tabakhersteller bereits Australien auf Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagt. 

Tabakkonzerne sprechen von willkürlicher Zensur

Als "willkürliche Zensur von Marken" prangerte der Philip-Morris-Manager Marc Firestone schon vor Wochen gegenüber ZEIT ONLINE die neuen Gesetzespläne an. Sein Unternehmen sei vorbereitet, "Anspruch auf eine angemessene Entschädigung für den Wert unseres Eigentums zu erheben". Die Konzerne sehen ihre Eigentumsrechte bedroht. Zudem, so argumentieren sie, bewege die Einheitsverpackung Raucher nicht zum Aufhören, sondern fördere nur Preiskämpfe, Schmuggel und Produktpiraterie.

Tabakgegner hingegen fordern schon seit Jahren die Uniformschachtel. "Viele Zigarettenverpackungen sprechen besonders Kinder und Jugendliche an", sagt die Heidelberger Krebsforscherin und Tabakgegnerin Martina Pötschke-Langer. "Mit Plain Packaging verliert dieses tödliche Produkt seinen Status und seine Attraktivität."

Ob und wo die Einheitsschachtel kommt, werden am Ende wohl die Richter entscheiden – allen voran die des Europäischen Gerichtshofes (EuGH). Dort liegt seit einiger Zeit noch eine Klage: Mehrere Hersteller, unter ihnen Philip Morris, wehren sich gegen die EU-Tabakrichtlinie, die den Mitgliedstaaten den Weg zum Plain Packaging freimacht. Was immer der EuGH beschließt: Deutsche Raucher müssen sich vorerst nicht auf Schockverpackungen gefasst machen. Die Bundesregierung plant zurzeit keine Einführung von Plain Packaging.