Der Hauptsitz von HSBC in London (Archiv) © Peter Nicholls/Reuters

Frage: Herr Eigenthaler, die HSBC-Bank hat tausenden Kunden in der Schweiz geholfen, Geld vor dem Fiskus zu verstecken und ist damit 2009 aufgeflogen. Könnte es solche Fälle auch heute noch geben?

Thomas Eigenthaler: Ausschließen kann man das nicht. Aus Schweizer Sicht ist Steuerhinterziehung ja keine Straftat, also gar keine dramatische Sache. Was die HSBC gemacht hat, war früher in der Schweiz gang und gäbe. Inzwischen gibt es eine Selbstverpflichtung des Schweizer Bankenverbands, eine Weißgeldstrategie zu fahren. Die UBS hat kürzlich erklärt, 95 Prozent der Kunden hätten sich inzwischen regularisiert.

Frage: Ehrlich gemacht?

Eigenthaler: Ja. Interessante Wortwahl, finden Sie nicht? Das zeigt doch schon, dass man in der Schweiz Steuerhinterziehung und schwarze Konten nicht als kriminell empfindet.

Frage: Aber 95 Prozent Ehrlichmachung sind doch eine gute Quote!

Eigenthaler: Ja, aber was heißt das denn? Verlangt der Bankmitarbeiter in der Schweiz jetzt Steuerbescheide, oder wie kontrolliert er sonst, dass sich Kunden regularisiert haben? Reicht es aus, wenn die Kunden eine entsprechende Erklärung abgeben? Es ist gut möglich, dass auch weiterhin Anleger durch die Maschen schlüpfen.

Frage: Wie viel Geld haben Deutsche noch in der Schweiz versteckt?

Eigenthaler: Die Schweiz ist die größte Fluchtburg für deutsches Schwarzgeld. Das liegt an der Nähe und daran, dass die politischen Verhältnisse stabil sind. Statt auf die Cayman-Inseln bringen Deutsche ihr Geld lieber nach Zürich. Es geht um gewaltige Summen. Ich gehe davon aus, dass noch vor Kurzem rund 160 Milliarden Euro unversteuertes deutsches Geld auf Schweizer Konten gelegen haben. Durch die Weißgeldstrategie der Schweizer Banken, die Steuer-CDs und die Selbstanzeigen hat sich diese Summe in den vergangenen Jahren verringert. Aber es dürften heute noch mindestens 40 Milliarden Euro von Deutschen in der Schweiz liegen, von denen der deutsche Fiskus nichts weiß. Mindestens ein Viertel des unversteuerten Kapitals hat sich dem Zugriff der Finanzbehörden weiterhin entzogen.

Frage: Ist das Geld noch in der Schweiz? 

Eigenthaler: Einiges ist sicherlich nach Ostasien oder in andere Steueroasen abgewandert, möglicherweise auch hier wieder mithilfe der Schweizer Banken und ihrer globalen Dependancen. Viel Cash ist aber inzwischen in Sachwerte umgewandelt worden, auch wegen der Niedrigzinsen. Das Geld steckt jetzt in Immobilien, in Schmuck, in Gold, in Reitpferden oder in teurem Wein. Der Vorteil: Wenn das Geld erst einmal in Sachwerten untergebracht ist, müssen Steuerhinterzieher auch nicht mehr befürchten, dass sie auffliegen, wenn es ab 2017 den automatischen Informationsaustausch über Bankdaten geben wird.

Frage: Was teilen ausländische Banken dem deutschen Staat ab 2017 mit?

Eigenthaler: Welche Bankkonten deutsche Bürger bei ihnen haben, welche Erträge ihnen zugeflossen sind, wie viel Geld auf den Konten ist. Aber das Gold im Schließfach oder der Picasso an der Wand werden davon nicht erfasst.

Frage: Ab 2017 müssen auch Luxemburg und Österreich ihre Bankgeheimnisse mit den deutschen Finanzämtern teilen. Über welche Größenordnungen reden wir hier?

Eigenthaler: Die Dimensionen sind deutlich bescheidener als bei der Schweiz. In dem EU-Land Luxemburg gab es ja schon früh Ermittlungen gegen Steuerhinterzieher, das hat die Leute nervös gemacht. Ich schätze, dort lagen früher unversteuert rund 50 Milliarden Euro, heute dürften es vielleicht noch zwölf Milliarden Euro sein. Österreich ist die Nummer drei, aber mit deutlich niedrigeren Summen.