ZEIT ONLINE: War sie ein Fehler? 

Varoufakis:
Ein riesiger Fehler. Griechenland ist  unter seinen Schulden kollabiert. Wie sind wir damit umgegangen? Wir haben einem überschuldeten Staat noch mehr Kredite gegeben. Stellen sie sich vor, einer ihrer Freunde verliert seinen Job und kann seine Hypothek nicht mehr bezahlen. Würden Sie ihm einen weiteren Kredit geben, damit er die Raten für sein Haus abbezahlt? Das kann nicht funktionieren. Ich bin der Finanzminister eines bankrotten Landes! 

ZEIT ONLINE: Was folgt daraus?  

Varoufakis: Wir sollten uns den Problemen mit dem Blick eines Insolvenzverwalters nähern. Und was macht ein Insolvenzverwalter? Er versucht, die Schulden zu reduzieren. 

ZEIT ONLINE: Die deutsche Bundesregierung hat einen Schuldenschnitt ausgeschlossen.  

Varoufakis: Ich verstehe, dass es Begriffe gibt, die in bestimmten Ländern diskreditiert sind. Aber wir können die Schuldenlast auch senken, ohne die Höhe der Schulden selbst anzutasten. Mein Vorschlag: Die Höhe der Zinszahlungen wird an das Wirtschaftswachstum gekoppelt. 

ZEIT ONLINE: Wenn die griechische Wirtschaft nicht wächst, müssten die Gläubiger also auf Zinsen verzichten. In deutschen Zeitungen wurden sie schon mit der Aussage zitiert: Egal was passiert, Deutschland wird ohnehin zahlen.  

Varoufakis: Das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe nicht gesagt: Die Deutschen zahlen und das ist gut so. Ich habe gesagt, sie haben schon viel zu viel gezahlt. Und sie werden noch mehr zahlen, wenn wir das Schuldenproblem nicht lösen. Nur dann können wir das Geld überhaupt zurückerstatten, das man uns geliehen hat.  

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Sie absichtlich falsch verstanden werden? 

Varoufakis: Ich hoffe, es handelt sich nur um ein Missverständnis. 

ZEIT ONLINE: Alexis Tsipras hat gleich nach der Wahl ein Denkmal für den Widerstand gegen Nazi-Deutschland besucht. Auch das ist als Provokation verstanden worden. Ebenfalls ein Missverständnis? 

Varoufakis: Bei uns ist die Partei Goldene Morgenröte zur drittstärksten Kraft im Parlament aufgestiegen. Das sind keine Neonazis, das sind Nazis. Wir müssen sie bekämpfen, immer und überall. An dem Denkmal Rosen niederzulegen, war eine Botschaft an die Nazis in meinem Land. Es war kein Signal in Richtung Deutschlands.

ZEIT ONLINE: Ist Deutschland Ihrer Meinung nach in Europa zu mächtig geworden?

Varoufakis: Deutschland ist das mächtigste Land Europas. Ich glaube, dass die EU davon profitieren würde, wenn Deutschland sich als Hegemon verstünde. Aber ein Hegemon muss Verantwortung übernehmen für andere. Das war der Ansatz der USA nach dem Zweiten Weltkrieg.  

ZEIT ONLINE: Was könnte Deutschland tun?  

Varoufakis: Ich stelle mir einen Merkel-Plan vor, nach dem Vorbild des Marshall-Plans. Deutschland würde seine Kraft nutzen, um Europa zu vereinigen. Das wäre ein wundervolles Vermächtnis der deutschen Bundeskanzlerin.  

ZEIT ONLINE: Merkel würde sagen, sie habe einen Plan.

Varoufakis:
Was ist das für ein Plan? Ein Europa, in dem wir noch mehr Kredite bekommen, die wir nie zurückzahlen können? Die USA haben damals Deutschland den größten Teil der Schulden erlassen. Aus dem laufenden EU-Hilfsprogramm liegen jetzt sieben Milliarden Euro auf dem Tisch, die ich mir einfach so nehmen kann. Ich muss nur schnell ein Dokument unterschreiben. Aber ich könnte schlecht schlafen, wenn ich das täte, weil es das Problem nicht lösen würde.  

ZEIT ONLINE: Dafür haben Sie ein anderes Problem: In wenigen Wochen könnte Ihnen das Geld ausgehen.

Varoufakis: Deshalb benötigen wir eine Zwischenfinanzierung. Die Europäische Zentralbank sollte unsere Banken stützen, damit wir uns mithilfe der Ausgabe kurzfristiger Staatsanleihen über Wasser halten können. 

ZEIT ONLINE: Die EZB würde sich damit am Rande der Legalität bewegen.  

Varoufakis: Es wäre aber nicht das erste Mal, dass sie eine solche Aufgabe übernimmt. Und es geht auch nicht um eine Dauerlösung. Anfang Juni haben wir unser Konzept fertig. 

ZEIT ONLINE: Werden Sie Russland um Hilfe bitten? 

Varoufakis: Darauf kann ich eine klare Antwort geben: Das steht nicht zur Debatte. Wir werden niemals in Moskau um Finanzhilfe nachsuchen.