An einem Freitag im Dezember 2015 vollzieht sich in Deutschland eine radikale Wende. Im Bundestag halten einige Abgeordnete noch letzte verzweifelte Reden. Vergeblich: Die Mehrheit der Abgeordneten stimmt für das Gesetz, das das Land auf Jahrzehnte hin verändern wird.

"Einwanderungsneutral" soll Deutschland künftig sein. Von Januar 2016 an dürfen weiter Menschen ins Land kommen, aber nur noch so viele, wie es auch verlassen. Das Saldo der Einwanderer und Auswanderer soll fortan Null betragen: null zusätzliche Zuwanderung. Eine Kommission soll jedes Jahr die Zahl der Auswanderer schätzen und festlegen, wie viele "yellow cards" an potenzielle Einwanderer vergeben werden und vor allem, welche Menschen noch ins Land kommen dürfen. Die Alternative für Deutschland bejubelt die Regelung als "Gesetz der Vernunft".

In der Bundesregierung ist man sich bewusst, dass Deutschland ein historisch einmaliges Experiment wagt: Erstmals nimmt ein westliches Industrieland hin, dass seine Einwohner jedes Jahr weniger werden. Ohne zusätzliche Einwanderer wird Deutschland schrumpfen, jedes Jahr ein wenig mehr. Eine Kommission aus Wissenschaftlern und Politikern soll einen langfristigen Plan entwerfen, wie Deutschland das Kleinerwerden am ehesten verkraften kann. Das Papier heißt: "Deutschland: Kleiner, aber stark". Bundeskanzlerin Angela Merkel verspricht, alles Nötige zu unternehmen, um den "Wohlstand und die Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern".

Und tatsächlich: In den ersten Monaten des Jahres 2016 sind die Folgen des Gesetzes kaum spürbar. Lediglich die Statistiker notieren am Ende des Jahres einen leichten Rückgang der arbeitenden Bevölkerung, das erste Mal seit Jahren. Die Zahl sinkt um etwa 170.000. Zwar steigt der Anteil der Frauen und Alten weiter an. Aber weil jetzt Einwanderer fehlen, reicht der Anstieg nicht aus, um den Rückgang der arbeitenden Bevölkerung zu bremsen.

Dem Aufschwung schadet das nicht. Die Arbeitslosenquote sinkt leicht, neue Jobs entstehen. Die deutsche Wirtschaft läuft rund, getragen von der weiterhin starken exportorientierten Industrie. Hin und wieder finden auch Langzeitarbeitslose wieder eine Anstellung. Sogar die Löhne steigen in manchen Berufen leicht. Vor allem jene Migranten verdienen mehr, die schon im Land leben und nun weniger Konkurrenz fürchten müssen. Die Steuereinnahmen sprudeln weiter, während die Ausgaben für Sozialleistungen wie Hartz IV sinken.

Die Warnung vieler Fachleute, dass Deutschland ohne Zuwanderung in Probleme gerät, wirkt da wie Hysterie. Sogar die Beitragssätze für die Krankenkassen bleiben stabil – anders als von Experten vorhergesagt. Viele Kassen haben in den konjunkturell starken Jahren ein Finanzpolster aufgebaut. Außerdem arbeiten die Bürger immer länger und zahlen deshalb länger Beiträge ein. Gleichzeitig steigen die Krankheitskosten moderat, denn die Bürger werden zwar älter, aber sie bleiben auch länger gesund. Die höchsten Gesundheitskosten fallen im letzten Lebensjahr der Patienten an. Diese Phase verschiebt sich langsam nach hinten. Ein Jahr nach der Einführung preist die Regierung das Einwanderungsbegrenzungsgesetz als "Erfolg für Deutschland".

Doch schon im Sommer 2018 dreht der Trend. Das Statistische Bundesamt meldet "erstmals weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Deutschland". Nicht nur die Zahl der Menschen, die arbeiten können, sinkt, sondern auch die Zahl jener, die es tatsächlich tun. Schon klagen einige Unternehmer darüber, nicht genug geeignete Mitarbeiter zu finden, auch unter den Arbeitslosen nicht. Zum ersten Mal seit Jahren sinken die Steuereinnahmen und mit ihnen die Beiträge für die Sozialversicherungen.

Gleichzeitig steigen die Preise. Das Essen in Restaurants wird teurer, ebenso in Deutschland geerntetes Obst und Gemüse. Gastwirten und Bauern fehlen die Migranten, die zuvor für wenig Geld gekocht, serviert und geerntet haben. In der deutschen Bevölkerung finden sie dafür kaum Ersatz.

Vor allem alte Menschen, die Hilfe benötigen, spüren plötzlich die Veränderung. Denn auch in der Pflege werden die Mitarbeiter knapp. Schon vor dem neuen Einwanderungsgesetz war es schwierig geworden, Pflegekräfte für die rund 2,4 Millionen Bedürftigen zu finden. Nun prognostizieren die Fachleute, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 um eine Million wachsen wird, 2050 könnten es sogar schon 4,5 Millionen sein. Die Experten warnen: Spätestens 2019 wird es dauerhaft deutlich weniger Pflegekräfte geben als benötigt werden.

Das Gesundheitsministerium startet eine Imagekampagne: "Care Plus". Sie soll mehr Bürger dazu bewegen, in die Pflegebranche zu wechseln. Doch die Regierung hat wenig überzeugende Argumente. Es fehlt an Geld, um die Jobs am Krankenbett und in mobilen Diensten attraktiver machen zu können. Zwar hat eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe die Preise von Krankenhausbehandlungen schon 2017 so neu justiert, dass mehr Geld für die Pflege frei wird. Doch das reicht kaum, zumal der große Anteil der Pflegebedürftigen zu Hause oder in Altenheimen versorgt werden muss.