Ein Windpark bei Marseille, Frankreich (Archiv) © Jean-Paul Pelissier/Reuters

"Think bigger", oder auf Deutsch: "Denke größer". Das steht ganz oben auf der Internetseite des Europäischen Windenergie-Verbands (Ewea). Damit wirbt der Verband für seine Offshore-Windenergiekonferenz vom 10. bis 12. März. Das Motto passt auch zur Strategie des Branchenverbands, der zumindest in Brüssel nicht mehr allzu viel Wert auf Gemeinsamkeiten mit den anderen Verbänden der erneuerbaren Energien legt, die die Interessen kleiner Unternehmen am Markt vertreten. Ewea denkt groß. "Wir sind eine gewichtige Industrie", sagt Ewea-Sprecher Oliver Joy. Und der Verband ist ja auch groß: Die Hauptsponsoren des Kongresses im März sind Siemens, Dong Energy, der größte dänische Energieversorger, und Vestas Offshore Wind, der größte dänische Windturbinenhersteller.

Blickt man zurück in die Geschichte der Erneuerbare-Energien-Industrie, begann sie mit kleinen oder mittelständischen regionalen Unternehmen – in der Windenergie wie bei Solarunternehmen. Es ist die Geschichte einer Gründerszene, überzeugt davon, dass sich auf Dauer der Ökostromgedanke durchsetzen würde, und willens, gegen die großen Energiekonzerne in Europa anzutreten. Und aus den kleinen Unternehmen entwickelten sich wie von selbst auch Interessenverbände, die die Kleinen im Blick hatten.

"Freundliche Übernahme"

Vorbei diese Zeiten. Das zumindest spüren die Brancheninsider immer deutlicher, seit sich in ganz Europa mit erneuerbaren Energien Geld verdienen lässt und die großen Energieriesen in das Geschäft mit Wasser-, Wind- und Sonnenkraft eingestiegen sind. Sie übernehmen zunehmend die Macht und damit auch die Herrschaft über die Strategie bei den Branchenverbänden. Zwar gibt es da immer noch solche Verbände wie den deutschen Bundesverband Windenergie (BWE), der tapfer in der Öffentlichkeit mit dem Slogan "Mittelständische Windbranche sichert Wettbewerb und Innovation" wirbt. Im Kreis des Brüsseler Windenergie-Verbandes Ewea haben die Mittelständler aber immer weniger zu melden. Nur noch ein Vertreter des starken deutschen Verbands gehört noch zum Führungszirkel der Brüsseler Vertretung. Brancheninsider sprechen inzwischen von einer "freundlichen Übernahme" der Interessenverbände der erneuerbaren Energien durch die Großindustrie.

Indizien dafür gibt es tatsächlich einige. Der Windverband Ewea wird seit dem vergangenen Herbst vom Chef der Windsparte des Siemenskonzerns als Präsident geführt. Markus Tacke ist seit 2013 Wind-Chef von Siemens und war davor für das Industriestromgeschäft zuständig. Auch im Öl- und Gasgeschäft kennt sich Tacke aus. Und er ist im Verbandsvorstand auch nicht allein: Dort sitzen Vertreter großer Energiekonzerne wie E.on, Dong, Iberola (Spanien) und Enel (Italien).

Großkonzerne im Solarverband

Auch im Europäischen Solarenergieverband (Epia) ist die Industriedominanz auffällig. Epia-Präsident Oliver Schaefer ist Verkaufsleiter der Firma Sunpower, in die sich 2011 der französische Ölkonzern Total eingekauft hat. Total ist zusätzlich auch noch im Vorstand des Verbands vertreten, gemeinsam mit Wacker-Chemie, dem Chemiekonzern Du Pont und dem italienischen Energiekonzern Enel. Womit klar sein dürfte: Auch im Brüsseler Solarenergie-Verband stellen die Industrievertreter die Mehrheit im Vorstand.

Was auf den ersten Blick wie ein ganz normaler Vorgang bei der Weiterentwicklung einer Branche aussieht, besorgt nun die Gründungsväter der erneuerbaren Energien zunehmend. Ihre Beobachtung: Mit wachsendem Einfluss der Industrie in den Brüsseler Ökostrom-Verbänden vertreten die Konzerne gegenüber Öffentlichkeit und Politik Interessen, die sich mehr und mehr von denen der mittelständischen Wind- und Solarunternehmen unterscheiden. Ewea-Sprecher Oliver Joy gibt das unumwunden zu: Die Branchenpolitik und Positionen würden nicht gemeinsam mit anderen erneuerbaren Energieindustrien ausgearbeitet. "Wir müssen das unabhängig voneinander tun."

Feuer und Flamme für die Energieunion – und Erdgas

Ganz aktuell sorgen sich die mittelständischen Ökostromer um die geplante europäische Energieunion. Was zunächst gut aussieht – in ganz Europa wird Strom ausgetauscht und gehandelt –, birgt für die Kleinen im Markt die Gefahr, abgehängt zu werden. Zum Beispiel weil dann nur noch große Windparks wettbewerbsfähig sind. Außerdem befürchtet die deutsche Branche, dass in einer europäischen Energieunion am Ende nur noch das am wenigsten ambitionierte Fördersystem übrig bleiben könnte. Einige EU-Staaten fördern Wind und Sonne gar nicht oder so gering, dass diese Erzeugungsformen dort nach wie vor Anteile unter einem Prozent an der Stromproduktion haben. Polen beispielsweise hat erst vor einer Woche nach jahrelangem Kampf eine moderate Einspeisevergütung für kleine Dach-Solaranlagen beschlossen. Privatleute können nun mit 18 Cent pro Kilowattstunde Strom rechnen. Kein Vergleich zum bis 2014 ziemlich großzügigen deutschen EEG.

Noch deutlicher wird der Interessenkonflikt, betrachtet man die Zukunft des europäischen Gasmarktes. Die Ökostromer arbeiten daran, dass auch Gas trotz einer leicht besseren Klimabilanz als Kohle in Zukunft vollkommen durch Wind- und Solarkraft ersetzt wird. Für die großen Konzerne jedoch ist das Gas immer noch ein Gewinnbringer – und oftmals ihr Kerngeschäft. Das wollen sie für ihre Zukunft sichern und sich nicht mit ihren Windrädern oder Solaranlagen selbst Konkurrenz machen. "Es ist kein Geheimnis", sagt Ewea-Geschäftsführer Thomas Becker, "dass Gas und erneuerbare Energien kurz- und mittelfristig gemeinsam ein bedeutender Bestandteil des europäischen Energiesystems sein werden, um die Versorgungssicherheit zu garantieren". Deshalb will der Verband Ewea auch neuerdings mit einem europäischen Gas-Verband kooperieren. Zwar seien noch "keine Verabredungen mit dem Verband getroffen worden", sagt Becker. Aber es wird weiter mit anderen Industrie gesprochen. Viele Energiekonzerne, die auch erneuerbare Energien im Angebot haben, sehen Gas als Backup-Partner für die wetterabhängigen Technologien. Da Speicher derzeit noch zu teuer sind und das Gas aus dem Energiesystem verdrängen könnten, haben sie wenig Interesse daran.

Uneinigkeit über die Ausbauziele

Wozu die Industriedominanz in Brüssels Ökostrom-Branche führen könnte, zeigen bereits jetzt die Debatten um die längerfristigen Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa. Ewea hatte sich für ein verbindliches 30-Prozent-Ausbauziel bis 2030 eingesetzt, andere Verbände verlangten 45 Prozent, geworden sind es unverbindliche 27 Prozent. Die inhaltliche Nagelprobe wird aus Sicht der deutschen Verbände die Frage, ob das Ziel einer 100-prozentigen Energieversorgung mit erneuerbaren Energien in Europa überhaupt weiter vertreten wird. Ewea tut das inzwischen nicht mehr mit besonderem Nachdruck.

Der Entwicklung zum Opfer gefallen ist schon jetzt der europäische Dachverband Erec, der bis vor einem Jahr alle erneuerbaren Energien-Verbände organisiert hatte. Liebevoll hatten die Ökostromer mitten in Brüssel mit dem belgischen Prinzen Laurent drei 140 Jahre alte neoklassizistische Gebäude zum ökologischen Vorzeige-Verbandshaus umbauen lassen. Bis 2032 hätten Erec und die anderen Verbände dort Mieter sein sollen. Seit Dezember 2006 zeigten sie rund 20.000 Besuchern stolz ihr Werk.

Kurz nach der Fertigstellung jedoch zog der Windverband Ewea aus, und zum Schluss auch der europäische Solarverband Epia. Ewea trat Ende 2013 aus dem Verband Erec aus. Der Dachverband konnte die Miete nicht mehr bezahlen und musste sich vor einem Jahr auflösen.