Das Ziel der Bundesregierung, den täglichen Flächenverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar zu reduzieren, rückt offenbar in weite Ferne. Das gibt die Regierung in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Grünen ungeschminkt zu. Zwar sei die Inanspruchnahme neuer Flächen für Siedlungen und Verkehr seit Ende der 1990er Jahre von 130 Hektar auf circa 73 Hektar pro Tag gesunken; es erscheine aber "keineswegs gesichert, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren automatisch bis auf 30 Hektar pro Tag fortsetzt", heißt es in dem Dokument, das ZEIT ONLINE vorliegt. Ab dem Jahr 2015 dürfte die Flächeninanspruchnahme vielmehr bei täglich rund 63 Hektar "verharren", so das amtliche Eingeständnis; auch bis zum Jahr 2025 dürften sich "kaum weitere Reduktionen ergeben", heißt es in der Antwort der Regierung auf die Grünen-Anfrage.

Nach Lage der Dinge wird das politische Ziel, das Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag bekräftigt haben, damit um mehr als 100 Prozent verfehlt. Die 30-Hektar-Zielmarke stammt ursprünglich aus der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie von 2002 und wurde seitdem von allen Bundesregierungen verfolgt. Der aktuelle Wert von 73 Hektar entspricht der Fläche von mehr als 100 Fußballfeldern, die jeden Tag neu für Siedlungen und Verkehr beansprucht wird.

Die drohende Zielverfehlung will die Regierung mit einem "Aktionsplan Flächenschutz" noch abwenden; der Plan werde derzeit im Hause von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) erarbeitet, heißt es in der Antwort auf die Anfrage der Grünen. Deren bau- und wohnungspolitischer Sprecher, Christian Kühn, kommentiert die Ankündigung mit den Worten, offensichtlich habe die Bundesregierung "keine Ahnung, wie sie ihr selbstgestecktes Ziel erreichen soll". Die Regierung solle "in Aktion treten, statt immer neue Pläne anzukündigen".

Der Flächenverbrauch bewirkt nicht nur den Verlust naturnaher Flächen und bedroht damit die biologische Vielfalt; obendrein hat er steigende Kosten zur Folge, geht aus dem Schriftstück der Regierung hervor. Je weniger Siedlungs- und Verkehrsfläche pro Einwohner in Anspruch genommen werde, desto niedriger sei der Infrastrukturaufwand und auf umso mehr Köpfe verteile sich die Kostenlast, heißt es in dem Dokument. Es sei deshalb "besorgniserregend", dass selbst in schrumpfenden und stark schrumpfenden Regionen neue Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen werden; damit würden "zusätzliche Infrastrukturfolgekosten vorbestimmt".

Zwischen den Zielen, ausreichend Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig den Flächenverbrauch zu vermindern bestehe kein Widerspruch, so die Regierung weiter. Beim Verkehr sei nach vielen Jahren erstmals ein Rückgang bei der Inanspruchnahme neuer Flächen zu erkennen.

Allerdings weist die Allianz pro Schiene, ein Bündnis zur Förderung des Schienenverkehrs, darauf hin, dass die Verkehrsfläche pro Einwohner inzwischen auf 224 Quadratmeter gestiegen ist – zum Wohnen habe jeder nur ein Fünftel davon: durchschnittlich 46 Quadratmeter.