Deutschland liegt auf dem ersten Platz, aber einen Preis hat die Bundesrepublik dafür nicht verdient: In keinem anderen Mitgliedstaat der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist der Unterschied zwischen den Renten von Männern und Frauen größer. Das zeigt unsere Grafik, die das Portal Statista für ZEIT ONLINE erstellt hat. In ihr ist dargestellt, wie groß im Durchschnitt die Rentendifferenz zwischen den Geschlechtern in Mitgliedsstaaten der OECD ist.

Demnach bekommen Frauen in Deutschland rund 45 Prozent weniger Rente als Männer. Groß ist die Lücke auch in den Niederlanden oder in Großbritannien. In den USA liegt der Wert nur bei 35 Prozent, in Spanien bei rund 33 Prozent. Alle diese Länder liegen über dem Durchschnitt der europäischen OECD-Länder plus USA: In diesen sogenannten OECD-25-Ländern beträgt das Rentengefälle zwischen Mann und Frau rund 28 Prozent. Erheblich geringer ist die Rentendifferenz in Ländern wie Dänemark und Estland, wo der Unterschied unter zehn Prozent liegt. Auch in Ungarn ist das Gefälle mit 15 Prozent deutlich schwächer als in der Bundesrepublik.

Der Grund für das starke Gefälle hierzulande liegt im deutschen Rentensystem begründet, wie Florian Blank von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ausführt: "Es gibt eine sehr starke Koppelung von Berufslaufbahn und Rentenauszahlung." Während Männer meist durchgehend in die Rentenversicherung einzahlen, haben Frauen oft gebrochene Berufsbiografien; noch immer kümmern sie sich meistens um den Nachwuchs, lassen den Job für einige Jahre pausieren oder hören sogar dauerhaft auf zu arbeiten.

Zudem haben Frauen Probleme beim Wiedereinstieg, arbeiten etwa die ersten Jahre nur in Teilzeit. Hinzu kommt, dass Frauen selbst bei gleicher Position schlechter als Männer entlohnt werden und oft in Berufen arbeiten, in denen sie ein geringeres Gehalt als in typischen Männerjobs erhalten. Die Folge: Sie zahlen weniger in die Rentenkasse ein – und bekommen am Ende weniger heraus.

Dabei seien Frauen zunehmend darauf angewiesen, sich selbst eine ordentliche Rente zu erarbeiten, sagt Experte Blank. Im Gegensatz zu früher gibt es heute mehr Singles, Frauen können sich deshalb nicht mehr auf die Rente ihres Mannes verlassen. "Dadurch können sie leicht in die Altersarmut abrutschen."

Zwar helfe etwa die Mütterrente, den Unterschied ein wenig zu schmälern. Mit dieser Regelung können auch Frauen Rentenansprüche erwerben, die Kinder großgezogen haben. "Aber der eigentliche Grund für das Gefälle ist der Arbeitsmarkt, an dem Männer und Frauen ungleich behandelt werden. Dort muss die Politik vor allem ansetzen, wenn sie das Problem lösen will", findet Blank.