Eine griechische Flagge weht auf der Akropolis in Athen © Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Galbraith, ein guter Freund und Kollege von Ihnen hat momentan einen der schwierigsten Jobs in Europa: der Ökonom und neue griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. In den hitzigen Verhandlungen über eine Verlängerung der Hilfskredite für Griechenland ist er immer mittendrin und wird teilweise ziemlich angefeindet. Waren Sie überrascht, dass er sich das antut?

James K. Galbraith: Nein, überhaupt nicht. Er konnte nicht anders. Für ihn war es eine moralische Verpflichtung, seinem Land in dieser schwierigen Situation zu helfen.

ZEIT ONLINE: Woher kennen Sie sich überhaupt?

Galbraith: Ich kenne Yanis schon viele Jahre und habe ihn beispielsweise als Gastprofessor hier nach Austin an die Universität von Texas geholt. Über ihn habe ich 2012 auch Alexis Tsipras kennengelernt, der damals gerade Oppositionsführer im griechischen Parlament wurde. Mit beiden habe ich weiterhin engen Kontakt. Kurz nach der Parlamentswahl war ich in Griechenland und anschließend mit der griechischen Delegation bei den ersten Verhandlungen in Brüssel. Das waren sehr interessante Tage.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Galbraith: Sagen wir mal so: Ich war überrascht, wie lange beide Seiten verhandeln mussten, um einen Kompromiss zu schließen, bei dem jeder von Anfang an wusste, dass er so kommen würde. Die Eckpunkte einer möglichen Einigung waren allen Beteiligten klar, trotzdem wurde bis zur letzten Minute gewartet und taktiert. Es war ein großes Spiel, bei dem meiner Meinung nach wertvolle Zeit verschwendet und die Situation in Griechenland verschlimmert wurde.

ZEIT ONLINE: Dieses Spiel geht gerade weiter. Die Reformliste, die die griechische Regierung am Freitag vorgelegt hat, reicht den anderen Euro-Staaten nicht. Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem sagte, es werde ein Prozess des "langen Atems", Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von einem "gewaltigen Weg", den man noch zurücklegen müsse. Auch am Montag gab es trotz stundenlanger Verhandlungen in der Eurogruppe kein Ergebnis. Warum ist es so schwierig, sich zu einigen?

Galbraith: Das liegt in der Natur dieser Verhandlungen. Eine Lösung gibt es dabei immer nur ganz am Ende, wenn die Zeit wirklich abläuft. Vorher scheint vor allem die restliche Eurogruppe zu glauben, dass sie noch weitere Zugeständnisse erreichen kann, wenn sie den Druck erhöht. Griechenland muss versuchen, geduldig zu bleiben.

ZEIT ONLINE: Das wird schwierig. Das Geld scheint der Regierung von Alexis Tsipras schneller auszugehen als gedacht. Es gibt schon Pläne, die Sozialkassen zu plündern.

Galbraith: Das ist nicht das einzige Problem. Durch die langwierigen Verhandlungen wird das Vertrauen in die Wirtschaft, das Ende vergangenen Jahres in Griechenland langsam zurückkehrte, wieder zerstört. Die Drohung der Europäischen Zentralbank, die Finanzierung für griechische Banken zu stoppen und die erneuten Gerüchte über einen Austritt aus dem Euro, machen vielen Griechen Angst. Sie räumen ihre Bankkonten und verschieben Anschaffungen, um ihr Geld für Notfälle zusammenzuhalten. Dadurch brechen zum einen die Steuereinnahmen etwa aus der Mehrwertsteuer ein und zum anderen wird der Bankensektor geschwächt. Eine echte wirtschaftliche Erholung Griechenlands wird so schwierig.

ZEIT ONLINE: An der Unruhe ist die griechische Regierung aber nicht ganz unschuldig. Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis scheinen bewusst mit dem Szenario eines Austritts aus der Eurozone zu spielen, den die anderen Länder unbedingt verhindern wollen. Ohnehin hat doch erst der Regierungswechsel für diesen Streit gesorgt. Ende vergangenen Jahres sah es eigentlich ganz gut aus: Die griechische Wirtschaft wuchs wieder, die Regierung erwirtschaftete einen Primärüberschuss und konnte sich sogar wieder am Kapitalmarkt Geld leihen.

Galbraith: Diese kleinen Erfolge wurden sehr aufgebauscht. Der vermeintliche Anfang des griechischen Aufschwungs war eine statistische Illusion. Wenn das Bruttoinlandsprodukt so schnell so stark einbricht wie in Griechenland, kommt irgendwann zwangsläufig der Punkt, an dem es wieder wächst. Außerdem wurde völlig übersehen, dass die Preise in Griechenland noch immer rasant fallen. Um 1,4 Prozent allein im vergangenen Jahr. Das ist für Unternehmen ein Problem, deren Gewinnmargen immer geringer werden, und für alle, die Schulden haben, denn die Schuldenlast wird während einer Deflation immer größer. Und überhaupt: Wenn es wirklich einen Aufschwung gegeben hätte, von dem die Menschen in Griechenland auch etwas gespürt hätten, wäre die Wahl vermutlich nicht so ausgegangen, wie sie es ist.