Drohen, Einlenken, Wutausbrüche und dann doch wieder ein Trippelschritt. So sehen die Verhandlungen derzeit zwischen den Partnern im griechischen Schuldenstreit aus, der gegenwärtig zwischen Brüssel und Athen ausgetragen wird. Auch wenn einem der kleinere Partner in diesem Drama, die Griechen, eigentlich leid tun muss, angesichts des Schwergewichts der großen Eurozone. Eines haben die Hellenen nach der jüngsten Sitzung der Eurogruppe am Montagabend nun wirklich erreicht: Die Athener Regierung ist dabei, auch die letzten Freunde unter den 18 Euroländern zu vergraulen.

Sogar Frankreich, das bisher den jungen Wilden aus Athen durchaus zugetan erschien, verging die Sympathie, nachdem das Pariser Finanzministerium seinem Präsidenten François Hollande kürzlich Verluste in Höhe von etwa 50 Milliarden Euro vorrechnete, die dem defizitären Frankreich fehlen würden, käme es zum griechischen Schuldenschnitt. "Ein Aufweichen des Hilfsprogrammes und seiner legalen Basis wäre sehr, sehr schwierig", sagt inzwischen sogar der stets mild gestimmte Griechenfreund, EU-Budgetkommissar Pierre Moscovici.

"Nie" sei der Zusammenhalt in der Eurogruppe gegen Griechenland größer gewesen als bei dieser Sitzung, weiß ein Teilnehmer sarkastisch zu berichten, "bei jedem neuen Streit mit Griechenland rückt Euroland ein Stück weiter zusammen". In der Tat haben die griechischen Minister erneut viel Vertrauen vernichtet, als sie am Wochenende zuvor den anderen Europäern etwa "kulturellen Rassismus" vorwarfen, 300.000 Flüchtlinge samt IS-Terroristen nach Berlin schicken wollten oder mit dem Chaos eines Referendums provozierten. Jetzt drängt sich in Brüssel die Frage auf, wie lange das nervige Drama so weitergehen soll, ob es schmerzliche Lernkurven auf beiden Seiten geben wird mit einer Kompromisslösung – oder ob am Ende die Eurofamilie zerbricht.

"Das ist eine komplette Zeitverschwendung"

Auch wenn sie wollten, die Euroländer haben keinen allzu großen Spielraum: Laut Verträgen unterscheiden sie sich kaum von einer Gläubigergemeinschaft, die Tilgungen zwar ein wenig strecken oder stunden kann, aber am Ende auf die Rückzahlung der Hilfskredite bestehen muss. Und deshalb stand auch schon Tage vor der Eurogruppensitzung das Verhandlungsergebnis fest: Keine neuen Hilfsraten bevor Athen die bereits versprochenen Reformschritte präzisiert, mit Zahlen und Umsetzungszielen unterfüttert und keine einseitigen Abweichungen vom Programm mehr begeht. Die vergangenen zwei Wochen sei nur darüber gesprochen worden, wer wen wo treffen solle, kritisierte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem ungewöhnlich deutlich: "Das ist eine komplette Zeitverschwendung." Eine frühere Auszahlung von Hilfsgeldern könne es nicht geben, wenn keine Reformen umgesetzt würden.

Hinter den Kulissen ist klar, dass Griechenland sich in einer "existenziellen Situation" befindet, am "Rande des Zahlungsausfalls", heißt es in Brüssel. Keine Erfahrung mit technischen Arbeitsprozessen habe die Regierung und auch nicht ihr Apparat, "zudem sind sie höchst unkooperativ". Beamte aus dem Berliner Finanzministerium berichten entsetzt, dass für die Reform der über 40.000 Seiten dicken Steuergesetzbücher viel Expertise fehle. Angebote Deutschlands wie auch Frankreichs, Finanzexperten und Steuerkontrolleure nach Athen auszuleihen, wurden von dort abgelehnt. Auch der Rat österreichischer Finanzbeamter mit langjährigen Beziehungen zu griechischen Fiskalabteilungen war nicht willkommen. Als "beratungsresistent" stuft eine Wiener Staatssekretärin die Tsipras-Regierung ein.

Noch im März muss ein Kredit über 1,5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds zurückgezahlt werden, im Sommer werden 6,7 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank fällig, doch in Brüssel kennt keiner die Athener Kassenlage. Immerhin willigte Finanzminister Yanis Varoufakis am Montag ein, dass die Institutionen nun die Bücher prüfen dürfen. Eurogruppenchef Dijsselbloem baute dabei die Brücke, dass die Gespräche mit der politischen Spitze der in Griechenland verhassten Institutionen nicht in Athen geführt werden müssen, während die technische Institutionen-Ebene, ein "technisches Team", zum Kassensturz ins Land gelassen werden soll.

Wahrscheinlichkeiten für einen "Graccident"

Immer deutlicher werde, so erklären Eingeweihte, dass die Regierung von Alexis Tsipras vom Behördenapparat abgeschnitten sei, und vor allem auf die "Stimmung in seiner Syriza-Partei" höre. Übel nehmen darüber hinaus viele Griechen ihrer Regierung die bereits angekündigten Tricks, mit denen sie in die Sozialkassen greifen will, um wenigstens noch im März und April über die Runden zu kommen. Was danach kommt, kann die Tsipras-Partei nicht beantworten, die am vergangenen Wochenende tagte und sich nicht darauf festlegen konnte, ob sie weiterhin eine Budgetpolitik am Abgrund betreiben möchte oder auf ein Referendum setzen soll. Gleichzeitig versuchen Vertreter von EU-Botschaften in Brüssel auch, das Misstrauen nicht noch weiter steigern. "Die junge griechische Regierung braucht auch eine gewisse Zeit", heißt es beispielsweise bei den Belgiern.

Immer wieder werden auch Wahrscheinlichkeiten für einen "Graccident" oder das "Exitus-Szenario" gehandelt: Griechenland verpasst eine fällige IWF-Kreditrückzahlung und muss als default, also zahlungsunfähig eingestuft werden. Oder es beschließt nach Neuwahlen selbst den Austritt aus dem Euro und wird dann zahlungsunfähig, weil sehr rasch alle EU-und EZB-Programme stoppen. In beiden Fällen müsste die griechische Notenbank nach internationalem Reglement sofort Kapitalverkehrskontrollen implementieren und das Land nach außen abschirmen. "Es existiert in Brüssel dafür zwar kein offizieller Notfallplan, aber man müsste sich so etwas nach dem Modell Zypern vorstellen", sagt ein hochrangiger Diplomat. Alle Sparguthaben über 100.000 Euro würden vom Staat eingezogen. Die Geldgeberländer müssten ihre Forderungen und Kredite abschreiben – der unfreiwillige Schuldenschnitt.

Welcher der Pfade schließlich eingeschlagen wird, liege nun allein an Griechenland, sagt der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, mit dem sich der griechische Ministerpräsident am Freitag nun treffen möchte. Der griechische Finanzminister Varoufakis hatte zu Beginn der Verhandlungen gesagt: "Wir sind jetzt Koautoren unseres Schicksals." Er ließ es offen, für welches Szenario er die Urheberschaft übernehmen möchte.