Es war ein seltener Moment der Einhelligkeit, als der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis am Sonntag zu Gast bei Günther Jauch war. Es ging einmal mehr um die Reparationsforderungen der griechischen an die deutsche Regierung. Die Forderung ist keinesfalls neu. Genau genommen wurde sie seit etwa 20 Jahren von sämtlichen Regierungen in Athen immer wieder artikuliert, doch wenn "Euro-Schreck" Varoufakis dergleichen verlauten lässt, bringt es alle anwesenden Gemüter gleichsam in Wallung.

 

Vermittelnde Angebote sind hier eine wohltuende Ausnahme. Bei Jauch war es Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der Berliner taz, die ein solches vorbrachte. Sie plädierte dafür, die Frage nach den Reparationen von der hitzigen Debatte um die Eurokrise zu trennen. Die deutsche Regierung müsse zwar Reparationen bezahlen, doch solle das Geld nicht in den maroden Staatshaushalt, sondern in ein deutsch-griechisches Jugendwerk fließen. Die belasteten Beziehungen, in denen wechselseitig von Pleite-Griechen und deutschen Faschisten die Rede ist, könnten durch die Jungen wiederbelebt werden.

Der Vorschlag stieß auf breite Zustimmung: Das Publikum applaudierte, Varoufakis fand, das sei eine tolle Idee, und selbst Ernst Elitz, Bild-Kolumnist und eifriger Kritiker der "durchgeknallten Polit-Anfänger", nickte beipflichtend. 

Griechenland hat einen Anspruch

Der Hintergrund der Reparationsforderungen ist schnell erzählt: 1941 besetzten deutsche und italienische Truppen Griechenland. Ein Jahr darauf erpresste die Wehrmacht von der griechischen Notenbank einen Zwangskredit von rund 500 Millionen Reichsmark, deklariert als "Anleihe zur Begleichung der Besatzungskosten". Heute, so schätzen Historiker, würden sich die Forderungen der Griechen auf umgerechnet etwa elf Milliarden Euro belaufen.

Bislang zahlte die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs in den sechziger Jahren einmalig 115 Millionen D-Mark. Auf der Londoner Schuldenkonferenz wurde 1953 das Thema der deutschen Reparationszahlungen auf die Zeit nach der Wiedervereinigung vertagt. Doch als diese 1990 erfolgte, trat an die Stelle eines Friedensvertrags das Zwei-plus-Vier-Abkommen, in dem Reparationszahlungen keine Rolle mehr spielten. Die Bundesregierung argumentiert: Griechenland habe das Abkommen ratifiziert und somit auf seine Forderungen verzichtet.

Für viele Historiker ist diese Lesart aber keinesfalls zwingend: Der Zwangskredit könne durchaus jenseits der üblichen Reparationsforderungen als vertragsrechtliche Anleihe betrachtet werden, argumentieren sie. Über das Londoner Schuldenabkommen sei die Frage nicht geregelt. Der in Athen lehrende Hagen Fleischer weist darauf hin, dass in Griechenland seit der Eurokrise längst überwunden geglaubte Ressentiments reaktiviert würden, die Deutschen wieder zum Feindbild taugten. Verhärtete Fronten und ein rauer Ton lassen sich auf beiden Seiten konstatieren.