Eines haben die Griechen in sechs Jahren Krise gelernt: nicht allzu schnell in Panik zu verfallen. Zu oft war schon von Untergang und Chaos die Rede. Die Griechen hängen in einer "depressiven Narkose der Gleichgültigkeit" fest, wie es ein griechischer Journalist treffend beschreibt.

Immer wieder kurz vor einer echten Staatspleite zu stehen, ist in Griechenland mittlerweile Alltag. Nicht zum ersten Mal muss eine griechische Regierung die Rentenkassen und andere öffentliche Institutionen anzapfen, um überhaupt die laufenden Rechnungen zu begleichen. Viel schlimmer wirkt da die anhaltende Unsicherheit – vor allem unter Geschäftsleuten und Selbständigen. Auch das ist ein bekanntes Phänomen, womöglich aber das schädlichste für die griechische Wirtschaft.

Kaum jemand macht sich Illusionen darüber, was bisher in den Verhandlungen mit den europäischen Partnern erreicht wurde und was nicht. Die gemäßigte Zeitung Ta Nea stellt fest, dass Ministerpräsident Alexis Tsipras zumindest alles versucht habe, nun aber in vielen Fragen "dem Druck der Kreditgeber nachgeben" müsse. Von einem "Belagerungszustand" spricht Dimitris Mitropoulos, politischer Autor der Zeitung. Nun werde man eben die "Troikaner wieder in die Burg" lassen müssen. Aber es sei richtig, dass die Regierung dem Verlangen der Eurogruppe nach Kontrollen nur widerwillig und eingeschränkt zustimmt, anders als ihre Vorgänger, die klaglos die Anweisungen der Troika ausgeführt hätten.

88 Prozent für Maßnahmen gegen humanitäre Krise

Wohlwollend werden hingegen die Signale aufgenommen, die Tsipras mit seinem ersten Gesetz in das Innere der griechischen Gesellschaft sendet. Arme Familien sollen kostenlos mit Energie versorgt werden und an Bedürftige sollen Lebensmittelmarken verteilt werden.

Eine große Mehrheit von 88 Prozent hält es laut einer Umfrage des Meinungsinstituts Marc für angebracht, dass die Regierung Maßnahmen gegen die humanitäre Krise im Land ergreift. 93 Prozent befürworten sogar den Stopp der Zwangsräumung von Immobilien, wenn damit den säumigen Schuldnern der erste Wohnsitz genommen wird. Dass diese Maßnahmen unter den internationalen Kreditgebern nicht gerade auf Begeisterung stoßen, sie ihnen aber dennoch zustimmten, wird als Erfolg in der griechischen Verhandlungsführung gesehen.

Gepöbelt wurde genug

Trotz der vielen öffentlichen Ohrfeigen und Demütigungen, die sich vor allem Finanzminister Yanis Varoufakis in Brüssel abgeholt hat, ist eine Mehrheit in Griechenland mit der Arbeit der Regierung zufrieden. Schließlich ist bislang nichts von dem zu hören, wovor sich die Menschen am meisten fürchten: weiteren Einsparungen etwa bei Renten oder Gehältern. Dass die Steuerverwaltung reformiert und Steuerflüchtlinge härter verfolgt werden sollen, dafür haben die Griechen schon in der Parlamentswahl gestimmt, als sie Syriza zur stärksten politischen Kraft machten.

Genervt ist jedoch vor allem die griechische Presse von der unprofessionellen Vielstimmigkeit, mit der die Athener Regierung auftritt. Immerzu neue Interviews, Provokationen, krude Vorschläge. Der Tenor: Athen soll schnell und in Ruhe zu einer Einigung mit der Eurogruppe kommen, gepöbelt wurde bereits genug. Dass dabei am Ende ein Kompromiss herauskommt, der vor allem auf Zugeständnissen aus Griechenland beruht, muss dabei hingenommen werden.