ZEIT ONLINE: Herr Richter, Sie haben die Parteien in Griechenland immer wieder als Klientelverbände beschrieben, die sich klar von den Programmparteien unterscheiden. Gilt dies auch für Syriza, die ja mit dem Versprechen angetreten ist, alles anders zu machen?

Heinz A. Richter: Syriza war bis zur Wahl ein Klientelverband im Wartezustand. Wer in Griechenland an die Macht kommt, wird automatisch klientelistisch. Die gegenwärtige Situation ähnelt der von 1981, als die Pasok erstmals die Parlamentswahl gewann. Sie trat als linke sozialistische Partei an. Andreas Papandreou gab damals ähnliche Sprüche von sich wie jetzt Alexis Tsipras. Innerhalb weniger Monate war die Pasok ein Klientelverband – einfach weil sie an der Macht war. Hinzu kommt, dass Syriza zur Hälfte aus übergelaufenen Pasok-Subnetzen besteht, die klientelistisch funktionieren. Die andere Hälfte sind Kommunisten und linke Sozialisten – die sind gegen die Klientelpolitik. Die Frage ist: Kann Tsipras die Partei dorthin steuern, wohin er will? Ich habe da große Zweifel.

ZEIT ONLINE: Wie äußert sich der Klientelismus?

Richter: Er geht weit darüber hinaus, was wir in Deutschland etwa bei der FDP und ihrer Nähe zu Hoteliers oder Apothekern sehen. Das griechische System stammt aus der osmanischen Zeit des 19. Jahrhunderts und hält sich bis heute. Die Klientelverbände werden zusammengehalten durch rousfetia, Gefälligkeiten. Das können Zuwendungen finanzieller Art sein – also vom Staat geklaute Steuern, die an die Mitglieder weitergereicht werden – oder Posten im Staatsapparat, der deshalb so aufgebläht ist. Jeder vierte Job in Griechenland ist im öffentlichen Dienst.

ZEIT ONLINE: Aber viele Griechen gehen doch auf die Straße und wollen den Klientelismus auch nicht mehr.

Richter: Ja, der einfache Grieche hasst dieses System. Er muss sich aber anpassen, um zu überleben.

ZEIT ONLINE: Jetzt sollen die einfachen Griechen eingespannt werden, um einen Teil dieses Systems zu bekämpfen: Finanzminister Yanis Varoufakis will Arbeitslose, Hausfrauen und Rentner als Amateur-Steuerfahnder im Einzelhandel und in Tavernen einsetzen.

Richter: Damit etabliert die Regierung ein Spitzelsystem – jeder Taxifahrer und jeder Friseur wird beobachtet. So kriegt man die Kleingewerbetreibenden dran, die Händler mit dem Kiosk an der Ecke. Aber die Milliardäre leben auf ihren Yachten, haben ihr Geld im Ausland. Der Vorschlag folgt also wieder einmal der Maxime "Die Kleinen schnappt man, die Großen kommen davon". Schon vor Jahren hat IWF-Chefin Christine Lagarde eine Liste nach Athen geschickt mit den Namen der reichsten Griechen und deren Schweizer Konten. Die Liste wurde weggeschlossen und nicht abgearbeitet.

ZEIT ONLINE: Wie könnte der Klientelismus überwunden werden?

Richter: Das ist aus heutiger Sicht nahezu unmöglich. Griechenland hatte nur einmal die Chance, ihn zu überwinden: 1944 aus der Résistance heraus. Damals wurde der griechische Staat von den Graswurzeln her neu aufgebaut und da gab es nichts zu verteilen. Das wurde leider durch Churchill verhindert, der die Monarchie wieder restaurieren wollte.

ZEIT ONLINE: Auch Syriza hat nicht wirklich etwas zu verteilen.

Richter: Ja, der Druck ist zwar da, aber die Versuchung, sich zu bedienen, ist bei jeder griechischen Partei groß. Das hat man bei der Pasok gesehen. Selbst die Kommunisten in der Syriza werden irgendwann an den Fressnapf wollen. Wir haben es in Griechenland schlicht mit einer anderen politischen Kultur zu tun, und das wird in Berlin und Brüssel nicht begriffen. Auf dem ganzen ehemals osmanischen Balkan ist die Politik klientelistisch. Die einzige Ausnahme ist Zypern, dort tickt man westeuropäisch.