Was sich die Leute von CoalSwarm vorgenommen hatten, war eine echte Fleißarbeit. Mit der Kraft des Schwarms wollten die Aktivisten alle 3.900 Kohlekraftwerke erfassen, die seit dem 1. Januar 2010 weltweit geplant wurden. Ihr Ziel war, den Status jedes einzelnen Meilers zu dokumentieren: War er genehmigt, schon in Betrieb – oder war der Bau zwischenzeitlich doch abgesagt worden? 

Das überraschende Ergebnis: Zwei Drittel der seit 2010 geplanten Kraftwerksprojekte seien entweder zurückgestellt oder ganz aufgegeben worden, heißt es in dem Report, den CoalSwarm zusammen mit der US-Umweltorganisation Sierra Club an diesem Montag veröffentlicht. In Europa sei die Rate noch höher. Die Umweltschützer werten das als starken Hinweis auf eine Trendumkehr: Weg von der schmutzigen Kohle, hin zu einer klimafreundlicheren Energieversorgung.  

In Deutschland wurden nach Angaben der Klima-Allianz seit 2010 von 32 geplanten Kohlekraftwerksblöcken nur sieben fertiggestellt, die Hälfte wurde komplett verworfen. Grund seien jahrelange Verzögerungen durch Proteste, dadurch unsicherere wirtschaftliche Rahmenbedingungen und nicht zuletzt der Erfolg der Erneuerbaren.  

Selbst China verbraucht weniger Kohle

Am Misserfolg der Kohle in Deutschland dürfte die deutsche Energiepolitik einen entscheidenden Anteil haben – doch offenbar gibt es Indizien dafür, dass die Entwicklung weltweit ähnlich verläuft. In der EU und den USA würden schon seit Jahren mehr Kohlemeiler stillgelegt als neu in Betrieb genommen, schreibt CoalSwarm. Und selbst in China, das die Elektrizität für seine boomende Wirtschaft vor allem aus Kohle gewinnt, sei der Verbrauch von Kohle 2014 zum ersten Mal seit Jahren zurückgegangen, obwohl die Wirtschaft mit einer Rate von mehr als sieben Prozent wuchs.

Das ist erstaunlich, weil sich aus kaum einer anderen Energiequelle so billig Strom erzeugen lässt wie aus Kohle. In Deutschland beispielsweise ist nur Onshore-Wind günstiger, und das nur unter bestimmten Bedingungen. Wegen des günstigen Preises verlassen sich vor allem Schwellenländer wie China, Indien oder Südafrika, die ihre Wirtschaft schnell entwickeln möchten, auf Kohle. Zwischen 2005 und 2012 boomte die Kohlekraft deshalb weltweit, wie CoalSwarm und der Sierra Club in ihrem Report dokumentieren. "Doch dieser Boom gelangt nun an sein Ende", schreiben sie – selbst in China und Indien.

In Indien beispielsweise seien seit 2010 sechsmal mehr Kraftwerksprojekte auf Eis gelegt oder aufgegeben worden als fertiggestellt, und neue Meiler würden kaum noch geplant. "Die Finanzierungsquellen für neue Kohlekraftwerke sind ausgetrocknet." Als Ursache machen die Umweltschützer den wachsenden Widerstand in der Bevölkerung und Lieferprobleme aus. 

China hingegen habe in den vergangenen Jahren mehr Kohlemeiler gebaut, als es auslasten könne. Das ist die andere Seite der Geschichte: Die meisten neuen Kohlemeiler seit 2010 wurden in China und Indien in Betrieb genommen. Allein die chinesische Provinz Jiangsu hat in den vergangenen fünf Jahren fast so viele neue Kohlestromkapazitäten aufgebaut wie die USA und die EU zusammen, und im Top-20-Ranking der Regionen mit dem stärksten Ausbau sind zwölf chinesische und fünf indische Provinzen vertreten.     

Das Klima ist noch nicht gerettet

Die Anti-Kohle-Aktivisten geben deshalb noch keine Entwarnung. Selbst wenn auch in Zukunft zwei Drittel der geplanten Kraftwerke nicht gebaut würden – der Kampf gegen den Klimawandel sei damit noch nicht gewonnen, schreiben sie. "Allein das verbleibende Drittel wird die gesamte Menge an Klimagasen ausstoßen, die noch erlaubt sind, bevor wir das Zwei-Grad-Ziel überschreiten." Und selbst wenn gar keine Kohlemeiler mehr errichtet würden, so bräuchten schon die existierenden Kraftwerke schon vier Fünftel des bis 2050 noch verbleibenden Emissionsbudgets auf.

Konsequenterweise fordern die Umweltschützer, gar keine neuen Kohlekraftwerke mehr zu bauen, staatliche Subventionen für die Kohle zu streichen und existierende Meiler stillzulegen. Investoren sollten sich ganz aus dem Geschäft mit dem klimaschädlichen Kohlestrom zurückziehen – im eigenen Interesse, denn schon jetzt nehme das Risiko im Kohlebusiness stetig zu. Bereits heute steckten 112 Milliarden Dollar an Investitionen in Kohleminen oder Kraftwerken, die wegen der niedrigeren Nachfrage gefährdet seien. Und mehr als 80 Prozent der bekannten globalen Kohlereserven müssten im Boden bleiben, wolle die Welt das Zwei-Grad-Ziel noch schaffen. Warum also noch mehr investieren?   

Das Geschäftsklima für die Kohleindustrie habe sich seit 2012 "verblüffend rasant verschlechtert", sagt Ted Nace, einer der Autoren des neuen Reports. "Weil die Investitionen für Kohleprojekte so hoch sind, wirkt sich eine veränderte Risikowahrnehmung sofort aus." Seine große Hoffnung ist es, dass die Trendwende in Zukunft weitergeht.