Sie fordern 5,5 Prozent mehr Lohn und ein Ende von Befristungen ohne Sachgrund: Am Dienstag haben die bundesweiten Warnstreiks angestellter Lehrer begonnen. Schwerpunkte waren Berlin und Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen. Diese Ausstände könnten erst der Anfang sein, denn erst Mitte März treffen sich Lehrer und Bundesländer wieder zur nächsten Verhandlungsrunde. "Die Streiks werden nächste Woche eskalieren", warnt der Vizechef des Beamtenbundes, Willi Reus.

Sind die Forderungen der Lehrer gerechtfertigt? Haben sie nicht eh schon so viel Urlaub, bekommen die nicht sowieso ein hohes Gehalt? Über Lehrer gibt es viele  Klischees. ZEIT ONLINE hat fünf davon überprüft.

1. Lehrer haben eine Arbeitsplatzgarantie

Noch in den Siebziger Jahren verbeamteten die Bundesländer fast alle Lehrer – das hat sich mittlerweile aber stark verändert. Heute besitzen deutschlandweit nur noch ungefähr 80 Prozent den Beamtenstatus. Dies zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes. Der Rest ist angestellt und somit kündbar. Allerdings gibt es je nach Bundesland starke Unterschiede.

In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind 75 Prozent oder mehr angestellt, wie Daten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) belegen. Auch in Hamburg, Bremen und Thüringen ist die Zahl der angestellten Lehrer hoch. In Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland ist ihr Anteil geringer – die Werte schwanken hier zwischen zehn und 15 Prozent.

2. Lehrer verdienen mehr als andere

Je nach Bundesland und Schulform verdienen Lehrer zwischen 2.800 und 3.800 Euro brutto pro Monat. Grundsätzlich bekommen Grundschullehrer weniger als Lehrkräfte an Gymnasien. Bayern zahlt von allen Bundesländern am meisten, Sachsen angestellten, Rheinland-Pfalz verbeamteten Lehrern am wenigsten.

Zum Vergleich: Im Durchschnitt erhalten junge Hochschulabsolventen im ersten Jahr ihres Berufslebens rund 3.400 Euro monatlich, wie die Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigen. Besonders im Bankensektor mit 4.400 Euro Durchschnittslohn, im Fahrzeugbau mit 4.380 Euro und in der chemischen Industrie mit rund 4.350 Euro liegen die Verdienstmöglichkeiten deutlich höher als im Schulbetrieb. Im Bereich Kultur, Sport und Unterhaltung liegen die Gehälter dagegen unter denen der Lehrer, dort verdienen Hochschulabsolventen nur rund 2.650 Euro.

3. Lehrer haben schon Mittags frei

Dass Lehrer "faule Säcke" seien, ist wohl knapp hinter dem "Gedöns" und der Flasche Bier einer der meistzitierten Sprüche von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Und auch einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge waren 2012 insgesamt 71 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass Lehrer viel Urlaub haben. Jeder Zweite stimmte überdies der Aussage zu, dass Lehrer über eine geregelte Arbeitszeit verfügen und nur selten Überstunden leisten müssen.

In der Realität kann das Klischee indes nicht bestehen. Eine von der GEW geförderte Studie der Göttinger Bildungsforscher Frank Mußmann und Martin Riethmüller ermittelte im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 49 Stunden und 44 Minuten. Auch der Potsdamer Psychologe Uwe Schaarschmidt, der ebenso wie seine Göttinger Kollegen die Arbeitstagebücher mehrerer Hundert Lehrer auswertete, bezifferte den Wochendurchschnitt auf etwas mehr als 50 Stunden. Ein Wert deutlich höher als das Beamtensoll. Die Vor- und Nachbereitungszeit der Unterrichtsstunden, welche den größten Posten der Arbeitszeit ausmachen, fallen somit weit stärker als gemeinhin angenommen ins Gewicht.

Lehrer müssen doch bloß unterrichten

4. Nur die Mittelmäßigen werden Lehrer

Dieses Klischee stimmt. Das zeigt der Hochschulbildungsreport 2020, eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey und des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. Demnach wollen Einser-Abiturienten viel seltener den Lehrerberuf ergreifen als Mitschüler mit schlechteren Durchschnittsnoten. Der Grund dafür sei vor allem, dass den besonders  guten Schülern im Lehrerberuf die Karrierewege fehlten, sagt Mathias Winde vom Stifterverband.  "Die wollen nicht ein Berufsleben lang immer die gleiche Tätigkeit machen, sie möchten sich weiterentwickeln." Grundsätzlich sagten Noten zwar nichts über pädagogische Qualitäten aus, allerdings zeigten Studien, dass Lehrer mit sehr gutem Fachwissen auch den Unterrichtsstoff sehr gut vermitteln könnten.

Als noch problematischer empfindet der Experte aber eine zweite Entwicklung: Abiturienten mit Interesse am Lehrerberuf fehlten oft die notwendigen Eigenschaften für den Berufsalltag. So nannten im Rahmen der Studie nur rund 13 Prozent Durchsetzungskraft als eigene Qualität, nur 16 Prozent zählten Selbstvertrauen zu ihren persönlichen Stärken. "Prinzipiell können sich die Studierenden diese Kompetenzen noch im Laufe der Ausbildung aneignen, aber dazu müssen die Universitäten auch mehr auf diese Schwächen eingehen", sagt Experte Winde. 

5. Lehrer müssen doch bloß unterrichten

Noch in den fünfziger und sechziger Jahren galt der Lehrerberuf, wie der Bildungsforscher Herbert Gudjons schreibt, als der "bestbezahlte Halbtagsjob". Lehrer hatten tatsächlich vormittags recht und nachmittags frei. Doch schon in den siebziger Jahren änderte sich dieses Bild. Nachdem in der Gefolgschaft der 68er Revolution der "Muff von 1.000 Jahren" aus den Klassenzimmern verschwand und traditionell-konservative Erziehungskonzepte zunehmend an Legitimität verloren, stiegen auch die didaktischen Anforderungen an die Lehrer. Empirische Studien wiesen erstmals nach, dass Lehrer entgegen dem Klischee mehr als der bundesdeutsche Durchschnitt arbeiteten. Auch heute sehen sich die Lehrer mit komplexen Herausforderungen konfrontiert: So klagten laut einer Umfrage der GEW 88 Prozent über eine zu hohe Arbeitsbelastung. 

Jeder Zweite fand, dass das Schulleben in den vergangenen fünf bis zehn Jahre anstrengender geworden sei. Eine Studie des Aktionsrats Bildung kam im vergangen Jahr zu dem Ergebnis, dass jeder Dritte an einer psychischen Erkrankung leide. Auch die seit 2009 besonders forcierte Inklusion körperlich oder geistig eingeschränkter Kinder stellt die Lehrer vor bislang unbekannte Herausforderungen. Zu wenig fühlen sie sich hierfür geschult, zu unzureichend sei der Betreuungsschlüssel. Insgesamt 83 Prozent gaben an, sich schlecht oder sehr schlecht auf inklusive Maßnahmen vorbereitet zu fühlen.