Proteste in Athen gegen die Sparpolitik © Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Blyth, die Realität scheint der These in Ihrem Buch zu widersprechen. Mit den Ländern in der Eurozone, die einen strengen Sparkurs gefahren sind, geht es gerade wieder bergauf. Die Austeritätspolitik zeigt Wirkung.

Mark Blyth: Europa hat sich fiskalpolitisch von einem sehr hohen Gebäude geworfen. Jetzt haben sie es irgendwie geschafft, auf den Ellenbogen und Knien davonzukriechen und versuchen, das als einen Erfolg zu verkaufen. Dabei steigt etwa das Bruttoinlandsprodukt in Spanien vor allem, weil Frankreich als größter Handelspartner auf einem Handelsdefizit sitzt. Mit der Sparpolitik hat das reichlich wenig zu tun. Und die Regierung in Griechenland hat alleine mehr Reformen angestrengt als der Rest Europas zusammen, in der Folge dann aber 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verloren. Also wo ist denn diese tolle Erfolgsgeschichte?

ZEIT ONLINE: Was ist dann Ihrer Meinung nach die Alternative zum derzeitigen Kurs?

Blyth: Ganz einfach: Hören Sie auf, alle Hähne zuzudrehen. Es geht mir nicht darum, eine Billion Dollar für Infrastrukturmaßnahmen bereitzustellen. Aber mit den Sparmaßnahmen, die derzeit in Kraft sind, hat Europa schon jetzt unfassbaren Schaden angerichtet. Wenn sich alle innerhalb einer Währungsunion gleichzeitig versuchen zu retten, indem sie nichts mehr ausgeben, dann wird keinerlei Einkommen geschaffen, mit dem man etwas ansparen könnte.

ZEIT ONLINE: Verunsichert es denn die Verbraucher nicht zusätzlich, wenn die Schulden in ihrem Land in so einer Situation weiter ansteigen?

Blyth: Nein, warum denn? Wen interessiert es denn wirklich, wie hoch die Schuldenquote eines Landes ist? Der Durchschnittsamerikaner weiß doch gar nicht, wie viele Schulden die USA haben – genauso wenig wissen es die Deutschen über ihr Land. Und sie konsumieren deshalb auch nicht weniger. Obwohl die USA so hoch verschuldet sind, wollte in den vergangenen zehn Jahren niemand in einer anderen Währung als dem Dollar sein Geld anlegen. Ich sage ja nicht: Schmeißt die Geldpresse im Stil der Weimarer Republik an. Aber es gibt schlicht keinen magischen Schuldenpunkt, ab dem man sich automatisch Sorgen machen muss.

ZEIT ONLINE: Höhere Schulden sind also grundsätzlich kein Problem?

Blyth: Wenn in einem Land die Bevölkerung und die Wirtschaft wachsen, dann nehmen die Schulden langfristig automatisch ab. Der heutige Schuldenberg der USA wird in 25 Jahren relativ klein wirken, weil der Anteil am BIP deutlich gesunken ist. Die wahren Probleme liegen meist woanders: In einer schlechten Einwanderungspolitik und einem geringen Bevölkerungswachstum. Kurz: Die abstrakte Idee einer Schuldenbremse ist absoluter Unsinn.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Blyth: Nehmen wir Deutschland. Ihr seid eigentlich in einer hervorragenden Situation, um mehr Schulden zu machen, Ihr habt eine starke Industrie und hochqualifizierte Arbeiter. Das Land sollte gerade jetzt in den Mittelstand und die großen Unternehmen investieren, um im Bereich der erneuerbaren Energien einen Sprung nach vorne zu machen. Dann könntet ihr diese Technologie für die kommenden Jahrzehnte an den Rest der Welt exportieren. Aber leider hat die Regierung in Berlin die Idee, dass Schulden in irgendeiner Form produktiv sein können, völlig aus den Augen verloren. Sie hat sogar panische Angst davor, neue zu machen.