Naomi Klein legt die Messlatte ziemlich hoch. "Dieses Buch ändert alles", steht in boulevardtauglichen Riesenlettern auf der Rückseite ihres neuen Werks Die Entscheidung geschrieben. Dazu trägt das Buch den leicht reißerischen Untertitel Kapitalismus versus Klima, und ihr deutscher Verlag porträtiert die globalisierungskritische kanadische Journalistin als eine weltweit führende Intellektuelle.

Dabei ist Kleins zentrale These – die schon im Titel verraten wird – gar nicht neu. Der Kapitalismus sei die Hauptursache des Klimawandels und die zentrale Motivationsquelle klimaschädlichen Handelns, schreibt sie. Die Menschheit müsse sich deshalb entscheiden: Kapitalismus oder Klimaschutz?

Auf 700 Seiten stellt Klein in gut marxistischer Tradition eindrücklich vor allem die mächtigen Unternehmensinteressen der fossilen Industrie dar. Die bedrohen in der Tat den Klimaschutz. Nicht immer systematisch und oft zu lang, aber dennoch lohnend sind auch weitere Beobachtungen Kleins, etwa die Darstellung der Klimaskeptiker-Szene und ihrer verschwörungstheoretischen Absonderlichkeiten oder der US-Umweltverbände, die sich häufig von Unternehmensinteressen korrumpieren lassen. 

Für viele in linksalternativen Kreisen wird nach No Logo und Die Schock-Strategie auch dieses neue Klein-Buch mit seinem klaren antikapitalistischen Bekenntnis und der vermeintlich einfachen Lösung des Klimaproblems wieder eine Art globales Manifest sein, obwohl sich die Autorin in ihren Beispielen sehr stark auf die USA und Kanada kapriziert.

Naomi Klein instrumentalisiert das Klima-Thema

Bemerkenswert ist: Naomi Klein selbst sagt ziemlich unverblümt, sie suche vor allem "frische Argumente" gegen den Kapitalismus, den sie ohnehin ablehne. Um Klimaschutz geht es ihr also eher indirekt. Nun springen zwar seit Jahren Persönlichkeiten wie Anthony Giddens oder Harald Welzer, die von Hause aus dem Umweltdiskurs eher fernstehen, auf den Klima-Trend auf – doch so offensichtlich ist das Thema selten instrumentalisiert worden.

Entgegen Kleins eigener Wahrnehmung erzeugt ein solch strategisches Verhalten starke Parallelen zu den Klimaskeptikern. Auch für die steht das Ergebnis vorab fest, nur eben inhaltlich genau andersherum als bei Klein: Wirtschaftswachstum, freies Autofahren und unreguliertes Unternehmertum sind für viele von ihnen per se gut. Und wenn der Klimawandel all das gefährdet, so bestreitet man eben seine Existenz.

Wenn Klein in ihrem Buch die gesellschaftlichen Ursachen des Klimaproblems analysiert, gerät ihr das deutlich unterkomplex. Aus ihrer Sicht wird der Klimawandel allein durch den Wunsch multinationaler Konzerne und reicher Leute verursacht, Geld zu verdienen. Doch dem ist nicht so.

Selbst wenn klassisch marxistisch alles eine ökonomische Ursache hätte, so wären nicht allein die Reichen die Bösen. Wir alle sind aufs Engste mit der Wachstumswelt verflochten: über Arbeitsplätze, Konsumwünsche oder Pensionsfonds, die über Aktienpakete Eigentümer der Unternehmen sind. Ohne uns alle und ohne entsprechende Politiker, die ebenso eigennützig agieren wie die von Klein inkriminierten Reichen, gäbe es die Konzerne nicht.