Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie nach Ihrem Lohn gefragt werden: Ihr Jahreseinkommen oder Ihr Stundenlohn? Je nachdem wie Sie antworten, leben Sie in einer von zwei Welten. In der einen Welt geht es fast immer um fünfstellige Zahlen, um mühsam verhandelte Jahresgehälter von Ingenieuren, Ärzten oder Bankern. In der anderen Welt geht es um die Frage, wie viel Euro ein Arbeitnehmer zum Überleben braucht – und zwar pro Stunde. Auf beiden Seiten denken die Arbeitnehmer verschieden: Wer pro Stunde bezahlt wird, weiß oft nicht, was er im Jahr verdient. Und die Bezieher hoher Jahresgehälter würden sich häufig wundern, wenn sie wüssten, was ihre Arbeit pro Stunde wert ist.

Der Stundenlohnrechner, den ZEIT ONLINE entwickelt hat, verbindet die beiden Arbeitsmarkt-Welten. Wer sein Brutto-Monatsgehalt eingibt, seine vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden und dazu die Stunden, die er wirklich gearbeitet hat, sieht hier erstmals, was er in der Stunde verdienen sollte – und was er wirklich verdient, vor und nach Steuern. Anschließend kann man sich mit Arbeitnehmern in anderen Berufen vergleichen und sich die Frage stellen: Wie viel mehr als die gesetzlich verankerten 8,50 Euro pro Stunde Mindestlohn bekomme ich tatsächlich?



Schnell sieht man: Wie hoch das effektive Gehalt ist, hängt stark damit zusammen, wie viele Stunden ein Arbeitnehmer wirklich arbeitet. Der Mindestlohn mag beispielsweise vielen Arbeitnehmern höhere Stundenlöhne bescheren. Aus der Armut aber katapultiert er nur diejenigen, die auch genug Stunden arbeiten können. Wer nur einen Teilzeitjob hat, verdient auch trotz des Mindestlohnes oft zu wenig. Umgekehrt sinkt der Stundenlohn für all jene Arbeitnehmer, die besonders viele unbezahlte Überstunden anhäufen und länger am Schreibtisch sitzen oder auf der Baustelle rackern, als es ihr Arbeitsvertrag vorsieht.

Zwei Beispiele:

Eine Köchin, die zehn Jahre Berufserfahrung hat und in einer kleinen Gaststätte in Westdeutschland laut Vertrag 40 Stunden in der Woche arbeitet, verdient dort im Monat üblicherweise rund 1.745 Euro. Damit kommt sie auf einen Brutto-Stundenlohn von 10,03 Euro. Doch der Wirt will sich nur eine Köchin leisten, die muss deshalb von früh bis spät da sein und schuftet in Wirklichkeit viel länger, nämlich 60 Stunden in der Woche. So kommt sie nur noch auf einen Stundenlohn von 6,69 Euro – was weit weniger ist als der gesetzliche Mindestlohn.

Oder ein erfahrener studierter Bauingenieur. Seit 15 Jahren arbeitet er in einem mittelgroßen Unternehmen, leitet ein Team und verdient 53.000 Euro im Jahr, also rund 4.417 Euro im Monat. In seinem Arbeitsvertrag sind dafür 36 Wochenstunden festgelegt. Daraus ergibt sich ein Stundenlohn von 28,21 Euro. Doch die Baustelle muss abgeschlossen werden, der Druck ist hoch, die Stundenzahl steigt auf 49 in der Woche. Da fällt der Stundenlohn sogleich auf 20,72 Euro – so viel verdient sonst beispielsweise ein Systemadministrator.

So rechnen Selbstständige

In der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015 lesen Sie, wie sich auch unverdächtige Branchen vor einer gerechten Bezahlung drücken – und die Leidtragenden sogar noch mitmachen

Unbezahlte Überstunden, wie sie die Köchin oder der Bauingenieur leisten, fallen in Deutschland besonders oft bei Vollzeitbeschäftigten an, sehr häufig bei Führungskräften. Nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg leistet jeder Festangestellte im Durchschnitt pro Jahr rund 28 unbezahlte Überstunden. Besonders bei Banken und Versicherungen, aber auch in der Kommunikationsbranche sind sie stark verbreitet. Die Überstunden senken nicht nur das Einkommen der Arbeitnehmer. Sie sind auch ein nicht rückzahlbarer dauerhafter Kredit des Mitarbeiters an sein Unternehmen.

Übrigens können auch Selbstständige mit dem Rechner herausfinden, was ihre Arbeit ihren Kunden wert ist. Dafür müssen sie nur ihr Jahreseinkommen durch zwölf teilen, im Monatsfeld eintragen und die geleisteten wöchentlichen Arbeitsstunden dagegen halten. Dann wird schnell deutlich, wie hoch der Stundensatz ist, den der Kunde tatsächlich bezahlt.

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen Sie finden, dass die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.