Europäische Gesellschaften steuern zurück in Vermögensverhältnisse, wie sie zu Zeiten der Erbaristokratien im 19. Jahrhundert herrschten. Das ist die zentrale Erkenntnis des französischen Ökonomen Thomas Piketty, der damit eine breite Debatte losgetreten hat. Aktuelle Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) bestätigen Pikettys These: Vermögen ist in Deutschland und Österreich im europäischen Vergleich besonders ungleich verteilt.

Abzulesen ist das am sogenannten Gini-Koeffizient: Je näher er bei 1 liegt, desto größer ist die Ungleichverteilung. Laut dem Household Finance and Consumption Survey (HFCS) der EZB kommen Österreich (0,77) und Deutschland (0,76) auf die höchsten Gini-Werte in der Eurozone. Dahinter folgen Zypern, Frankreich und Portugal.

Wie die EZB-Zahlen zeigen, gehört wenigen Reichen ein sehr großes Stück vom Vermögenskuchen. Das reichste Prozent der Deutschen besitzt etwa 24 Prozent am gesamten Privatvermögen. Tatsächlich dürfte dieser Anteil sogar noch deutlich höher ausfallen, weil sich die Vermögen von Superreichen in einer freiwilligen Erhebung kaum erfassen lassen. Werden zusätzliche Informationen aus Tabellen wie der Forbes-Liste verwendet, könnte nach Schätzungen des EZB-Ökonomen Philip Vermeulen bis zu ein Drittel des Vermögens beim reichsten Prozent in Deutschland konzentriert sein. In Österreich sind es sogar gut 40 Prozent.

Bei den Vermögen herrscht also – wenig beachtet – in Deutschland und Österreich schon lange eine Ungleichheit, wie sie bei den Einkommen kaum vorstellbar wäre. Die viel beschworene Mittelschicht, die in den beiden Ländern den breiten Wohlstand repräsentieren soll, gibt es nur in der Einkommensverteilung, nicht aber bei den Vermögen. Doch mit Arbeit kann kaum ein Lebensstandard erwirtschaftet werden, wie ihn einige wenige durch Erbschaften oder Heirat auf dem Silbertablett präsentiert bekommen.

Die EZB-Daten machen zugleich die von Piketty beschriebene Konzentration von Vermögen anschaulich. So besteht das Vermögen derjenigen, die zur unteren Hälfte der Verteilung zählen, hauptsächlich aus Kraftfahrzeugen. Bei den Wohlhabenden gewinnt das Eigenheim deutlich an Bedeutung, zum Teil auch Aktien und Fonds. Erst bei den Reichen, in diesem Fall den obersten fünf Prozent der Vermögensverteilung, sind Immobilien als Kapitalanlage, riskantere Wertpapiere sowie Unternehmensbeteiligungen sehr verbreitet. Damit wird auch klar: Steuerliche Begünstigungen beispielsweise für Aktiengewinne oder private Vorsorgerenten kommen bei Weitem nicht allen Haushalten gleichermaßen zugute.

Schon heute tragen Erbschaften und Schenkungen in Deutschland und Österreich am stärksten zur Vermögensungleichheit bei. Das stellt der Ökonom Sebastian Leitner vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in einer neuen Studie fest. Demnach gehen in Österreich fast 40 Prozent der Ungleichheit beim Bruttovermögen auf Erbschaften zurück – etwa doppelt so viel, wie durch Einkommensunterschiede erklärt werden kann. In Deutschland sind mehr als 35 Prozent der Vermögensungleichheit auf Erbschaften zurückzuführen, etwa ein Viertel auf Einkommensdifferenzen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Piketty und die Verteilungsfrage", erschienen bei SE Publishing (ISBN 978-0-9926537-3-6).

Von der Möglichkeit, durch Erbschaften das Vermögen zu vermehren, sind viele ausgeschlossen. Von der unteren Hälfte der österreichischen Haushalte hat weniger als ein Drittel entweder bereits eine Erbschaft erhalten oder erwartet noch eine, wie Daten der EZB zeigen. Bei den reichen Haushalten sind es hingegen drei Viertel.

Der Großteil der Haushalte erbt somit nichts – und wenn doch, sind es oft nur sehr kleine Beträge, denn die Höhe der Erbschaften ist sehr ungleich verteilt, sogar noch ungleicher als die gesamten Vermögen. Bei dem reichsten Zehntel beträgt eine Erbschaft im Durchschnitt 300.000 Euro, bei den ärmsten zehn Prozent am anderen Ende der Verteilung etwa 20.000 Euro. Erbschaften haben somit eine starke dynastische Bedeutung und stehen der Leistungsgesellschaft entgegen.

Pikettys wissenschaftliche Arbeit ist durch die Sorge um die Demokratie getragen und hat die starke Vermögenskonzentration, die Rolle von Erbschaften und damit verbundene Fragen der demokratischen Teilhabe in den öffentlichen Blick gerückt. Auch im siebten Jahr nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise herrscht in der großen Masse der Bevölkerung das Gefühl, dass die Reichen "es sich richten können" und mit ihren Vermögen auch ihren politischen Einfluss über Generationen weiterreichen.

Die damit vererbte Ungleichheit von Lebenschancen kann zu großen gesellschaftlichen Spannungen führen – so wie in der Ein-Prozent-Gesellschaft der Erbaristokratie. Davor warnen jüngst auch internationale Organisationen wie die OECD.

Eine Erkenntnis Pikettys ist, dass die Tendenz steigender Vermögenskonzentration durch politische Interventionen bekämpft werden kann. Dafür braucht es aber Mut und Wille zu einer substanziellen Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Piketty verweist auf den historischen Umstand, dass die soziale Sprengkraft ungleicher Gesellschaften in den schlimmsten Fällen kriegerische Auseinandersetzungen und eine radikale Veränderung der Vermögensverhältnisse verursacht hat. Heute muss alles darangesetzt werden, dass ein sozialer Ausgleich mit demokratischen und friedlichen Mitteln erzielt wird.

Miriam Rehm und Matthias Schnetzer arbeiten in der Arbeiterkammer Wien zu Verteilungsfragen.