Nach 20 Minuten eröffnet Günther Jauch dem griechischen Finanzminister, was Deutschland über ihn denkt. "Die Deutschen" seien ja schon sehr irritiert über die Art, wie er auftrete, erzählt er Yanis Varoufakis. Und "die Deutschen" hätten ja schon das Gefühl, dass ihre Solidarität in Griechenland nicht wertgeschätzt werde.

Und dann kommt es, wie es in diesen Tagen für Varoufakis kommen muss: Jauch zeigt in seiner Talkshow, für die der Politiker live aus Athen zugeschaltet wird, die Bilder der Homestory von Varoufakis im französischen Boulevardblatt Paris Match. Sie sind umstritten, der Vorwurf ist simpel: Wie kann sich der griechische Finanzminister ausgerechnet jetzt in Glamourshots ablichten lassen, bitteschön?

Auch ein Youtube-Video von einem Vortrag im Jahr 2013 in Zagreb lässt Jauch einspielen. Darin präsentiert Varoufakis seinen Vorschlag, dass sich Griechenland im Januar 2010 offiziell für bankrott innerhalb der Eurozone hätte erklären sollen. Und während er sagt "Dann zeigt man eben Deutschland den Finger und sagt: Jetzt löst doch das Problem selbst" zeigt er einen Stinkefinger mit der linken Hand.

Vorwürfe gegen Jauch-Redaktion

Doch hat Varoufakis den Stinkefinger tatsächlich gezeigt? Varoufakis wirkt bei Günther Jauch aufgewühlt. "Das ist ein unechtes Video. Der Finger ist reinmontiert ('doctored') worden", sagt er. In Berlin schaut daraufhin ein entsetzter Jauch in die Kamera. Er lässt seine Redaktion recherchieren, doch so schnell lässt sich die Sache nicht klären. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier wirft der Jauch-Redaktion noch in der Nacht vor, die Aussagen von Varoufakis in einen falschen Zusammenhang gesetzt zu haben. Die Brisanz ist groß: Wenn das Video tatsächlich echt ist und Varoufakis ausgerechnet vor einem deutschen Millionenpublikum das Gegenteil behauptet, muss er sich den Vorwurf der Lüge gefallen lassen. Mit allen Konsequenzen, die es für der Lüge überführte Minister geben kann.

Der Stinkefinger: Er ist das Highlight dieser Sendung, auf Twitter wird daraus gar das Hashtag #fingergate. Schon Tage zuvor hatte der angekündigte Fernsehauftritt von Varoufakis für Furore gesorgt. Warum tut er sich das an, fragten Kommentatoren, ausgerechnet in Deutschland? Denn gerade in den vergangenen Tagen schien die Stimmung gegen ihn zu kippen. Von einer Privatfehde zwischen ihm und Wolfgang Schäuble war die Rede – auch auf ZEIT ONLINE. Und von zunehmender Isolierung in der griechischen Regierung.

Am Sonntagabend konnten sich "die Deutschen" nun ein Bild von Varoufakis machen. Und siehe da: Er spricht ganz vernünftige Dinge. Er antwortet vielleicht ausschweifend hier und da, aber im Vergleich zu mancher Pressekonferenz in Brüssel hält er sich noch kurz. Der Mann hat Kreide gefressen, keine Frage. Wolfgang Schäuble nennt er mehrmals "Doktor Schäuble" und spricht in höchsten Tönen von ihm – Anbiederungen, die wohl nicht nur an Schäuble abperlen, sondern wahrscheinlich genau das Gegenteil von noch mehr Zuneigung bewirken. Und als Zuschauer ist man sich nicht ganz sicher, ob die "kleinen unbedeutende Liquiditätsprobleme" Griechenlands, von denen Varoufakis spricht, extrem genial-freche Ironie sind oder doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass dieser Mann irgendwie doch nicht verstanden hat, worum es gerade geht.

Varoufakis reagiert genervt

Während in Athen ein gemäßigter Herr in Jackett und Hemd vor einem Bücherregal sitzt, hat sich Günther Jauch in Berlin Stereotypen ins Studio geladen. Der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) darf Phrasen dreschen und Bild-Schlagzeilen postulieren – weitaus deftiger als der ebenfalls geladene Bild-Kommentator und Ex-Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz, der gefühlt genau zwei Mal zu Wort kommen darf. "Griechenland muss seine Hausaufgaben machen", findet Söder. Der Stil der neuen griechischen Regierung sei "nicht angemessen", zu viele Interviews. "Die Deutschen stehen eher hinter Schäuble als hinter Ihnen, Herr Varoufakis." Und überhaupt: Syriza solle dem Koalitionspartner, der rechtspopulistischen Partei Anel, aufkündigen. Varoufakis reagiert genervt und verbietet sich die Einmischung in Koalitionsfragen.

Während die Herren in Berlin – inklusive Moderator Günther Jauch – sich darauf beschränken, Varoufakis mit Klischees und Vorurteilen zu konfrontieren, sorgt zumindest die einzige Frau in der Runde, Ulrike Herrmann, für etwas inhaltliche Substanz. Die taz-Wirtschaftsjournalistin erklärte der Runde noch einmal die Schuldenfalle, in der Griechenland seit 2010 steckt.

Sie hält es offenbar auch für nötig, Jauch und Söder noch einmal den Unterschied zwischen Schulden und Primärüberschuss zu erläutern. Während sich die zwei vor allem auf eine Stildiskussion beschränken, nennt Herrmann Zahlen. Nichts Überraschendes, aber immerhin. Griechenlands Schuldenstand beziffert sie auf rund 320 Milliarden Euro. Selbst wenn man auch den reichsten Griechen, der 5,3 Milliarden Euro besitze, besteuere, reichten die Steuereinnahmen nicht. Den Gläubigern Griechenlands gibt Herrmann ungewollte Wahrheiten mit auf den Weg: "Das Geld ist weg".

Dumpfe Vorurteile zur besten Sendezeit

Varoufakis reagiert leider nur schwammig auf Jauchs Nachfrage, ob das denn stimme. Stattdessen versinkt die Sendung am Ende plötzlich in großer Harmonie. Nach fast einer Stunde Talk ist sogar Söder verstummt, die Bild-Stimme Elitz sowieso. Dem Vorschlag, mögliche Reparationszahlungen Deutschlands in eine Stiftung zu geben und so die Reparationsfragen getrennt von aktuellen Haushaltsnöten zu diskutieren, kann auch Varoufakis problemlos zustimmen.

Eine bemerkenswerte Sendung. Einmal mehr zeigt sie, wie sehr doch Klischees die Griechenland-Debatte in Deutschland bestimmen. Und wie gern einige Herren in der Runde Varoufakis einfach nur vorführen wollten. CSU-Mann Söder ist sich nicht zu schade, dumpfe Vorurteile zur besten Sendezeit noch weiter zu bedienen: "Jeder in Deutschland arbeitet wirklich hart", erklärte er Varoufakis. Und lieber Zuschauer, bitte ergänze jetzt: "Und die Griechen sind faul".

Jauch lässt so viel Stammtisch einfach durchgehen. Lieber verteilt er am Ende gar vor laufender Kamera Kopfnoten – der griechische Finanzminister habe "sich tapfer geschlagen" – und hält Varoufakis vor, was denn "die Deutschen" und "die Griechen" so denken würden. Und das, obwohl Varoufakis gleich nach fünf Minuten Sendezeit darum gebeten hat, nicht nur platt von "den Deutschen" und "den Griechen" zu sprechen. Aber selbst das war wohl schon ein zu differenziertes Anliegen für die Runde in Berlin.

Anmerkung 16.3.15, 10:30 Uhr: In einer alten Fassung des Artikels hieß es: "Selbst wenn man auch die reichsten Griechen endlich zum Steuerzahlen bringe, generiere man maximal 5,3 Milliarden Euro." Diesen Satz habe ich korrigiert. Ulrike Herrmann hatte gesagt, dass der reichste Grieche 5,3 Millarden Euro besitze und dass daher die Steuereinahmen nicht ausreichen würden. Danke für den Leserhinweis! Beste Grüße, Marlies Uken