Yanis Varoufakis © Jasper Juinen/Bloomberg

Seit zwölf Stunden wühlt ein griechischer Stinkefinger Deutschland auf. Er war der Höhepunkt der Diskussionsrunde von Günther Jauch am Sonntagabend, zu der der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis live aus Athen zugeschaltet wurde.

In der ARD Mediathek ist die Sendung abrufbar. In Minute 24 zeigt Jauch einen Einspieler:

Moderator: "Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben."

Dann wird ein Auftritt von Varoufakis auf einer Konferenz in Zagreb gezeigt, kurz wird das Datum der Rede – Mai 2013 – eingeblendet. Varoufakis sagt auf der Bühne: "Griechenland sollte einfach den Bankrott erklären."

Der Moderator fährt fort: "Und steht für klare Botschaften"

Varoufakis sagt: "Dann zeigt man eben Deutschland den Finger und sagt: Jetzt löst doch das Problem selbst." Dabei zeigt er einen Stinkefinger mit der linken Hand. 

Nach dem Ende des Einspielers sagt Günther Jauch: "Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür mit Abstand am stärksten kritisiert. Wie passt das zusammen?"

Im Hintergrund schüttelt Varoufakis bereits den Kopf. Er sagt in Minute 26:27: "Can I make a very simple point? That video is doctored, I never give a finger, I have never given a finger, it is doctored and I am fully ashamed." Dann sind einige Worte nicht mehr zu verstehen. Weiter: "I am sure that you did not know that."

Der Übersetzer sagt: "Dieses Video ist falsch, das ist so montiert worden, ich habe so etwas nie gemacht, ich schäme mich dafür, dass man mir so etwas zutraut. Ich bin mir sicher, das haben Sie nicht gewusst. Aber das ist getürkt, diesen Finger habe ich nie gezeigt. Das ist ein unechtes Video, genau wie es noch eins gibt, das man in Griechenland zeigt, wo ich angeblich meine Hand einem ausländischen Politiker hinstrecke und sie dann im letzten Moment zurückziehe. (...) Das hat es nie gegeben."

Jauch: "Also, nach unseren Informationen ist das passiert bei einer Konferenz in Zagreb im Jahr 2013."

Varoufakis Antwort wird wie folgt übersetzt: "Es ist nicht so. Das Foto ist von der Konferenz, aber der Finger ist hineinmontiert worden. Das sage ich Ihnen ohne jeden Zweifel fest zu. Das hat es nicht gegeben."

Was ist der Zusammenhang des Videos?

Varoufakis trat im Mitte Mai 2013 auf einer Konferenz in Zagreb auf. Damals war er noch nicht Finanzminister, sondern arbeitete als Ökonom und als oft im Ausland zitierter Griechenland-Experte. In dem Auftritt beantwortet er Zuschauerfragen. Er erklärt, dass er in den 90er Jahren gegen die Einführung des Euros war. Da man ihn nun aber habe, könne man ihn nicht einfach wieder abschaffen. Er habe im Jahr 2010, nach Ausbruch der Schuldenkrise, vorgeschlagen, dass Griechenland sich bankrott erklärt. Dann folgt die oben beschriebene Passage mit dem Stinkefinger. Er bezieht sich in seinen Ausführungen also eindeutig auf das Jahr 2010, dem Beginn der Eurokrise. 

Wo ist das Problem?

Varoufakis behauptet, dass das eingespielte Video manipuliert wurde und dass er den Stinkefinger nicht gezeigt habe. Die Jauch-Redaktion hat angekündigt, die Vorwürfe zu prüfen. Am späten Montag nachmittag teilte die Produktionsfirma mit, dass der Videoausschnitt "nach Aussage verschiedener Medienexperten und Netzforensiker keinerlei Hinweis auf eine Manipulation oder Fälschung" enthalte. Er "könne als authentisch eingestuft werden". Einiges spricht gegen Varoufakis: Geste und Inhalt sind schlüssig. Der Mann, der das Video der Konferenz auf YouTube hochgeladen hatte, beteuerte noch in der Nacht auf Montag per Twitter, dass nichts manipuliert wurde.


Das Problem ist: Varoufakis ärgert sich nicht darüber, dass seine Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Der Einspieler der Jauch-Redaktion erweckt den Eindruck, dass Varoufakis Deutschland in der aktuellen Debatte den Stinkefinger zeigt. Nur kurz wird eingeblendet, dass es sich um eine Aussage aus dem Jahr 2013 handelt. Darauf aber reagiert der griechische Finanzminister nicht. Er bestreitet, den Stinkefinger überhaupt gezeigt zu haben.

Und er hält an dieser Aussage fest. SPIEGEL ONLINE zitiert ihn am Montag nachmittag mit den Worten "Das Video wurde ohne jeden Zweifel gefälscht." Die Jauch-Redaktion habe ihn absichtlich schlecht dargestellt.

Was aber ist, wenn Varoufakis gelogen hat?

Die Frage, die im Raum steht: Rechtfertigt eine Lüge, wenn sie denn passiert ist, im Extremfall gar einen Rücktritt? Es ist müßig, darüber zu philosophieren, denn gerade bei solchen "weichen" Gründen kommt es auf die Dynamik an, die die Debatte darüber womöglich bekommt. Entscheidend wird sein, ob sich Regierungschef Alexis Tsipras einschaltet. Tatsache ist aber auch: Personelle Alternativen hat Tsipras nicht. In den vergangenen Wochen hat sich keiner hervorgetan, der die ökonomischen Syriza-Positionen so vehement vertritt wie Varoufakis.

Worum geht es eigentlich?

Der Stinkefinger rückt erneut das Thema Vertrauen und Glaubwürdigkeit in den Fokus der Griechenland-Debatte. Noch vor ein paar Wochen hatte die Eurogruppe zwar Griechenland eine Verlängerung des Reformprogramms gewährt. Allerdings hatte gerade Eurogruppenchef Jeroen Dijesselbloem immer wieder betont: "It's about rebuilding trust." Es gehe darum, das Vertrauen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern wieder herzustellen. Sicher, der Stinkefinger ist eigentlich nur eine Lappalie, das Video war schon länger bekannt. Aber sicherlich hat Varoufakis jetzt wichtigere Themen zu bearbeiten, als Stinkefinger-Gesten aus dem Jahr 2013 zu kommentieren. Darum ist die Debatte so unglücklich für Griechenland.