Bundesentwicklungsminister Gerd Müller will angesichts der Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer die Hilfen für Afrika neu organisieren. Der CSU-Politiker sagte der Welt am Sonntag, die Wirtschaft müsse mehr in die Pflicht genommen werden. Es werde Zeit, dass afrikanischen Produzenten faire Preise gezahlt würden. "Die Marktverhältnisse müssen sich ändern", sagte Müller.

Viel zu lange habe Europa den afrikanischen Kontinent ausgebeutet. "Wir Europäer haben wertvolle Ressourcen zu Niedrigstpreisen bekommen und den Arbeitskräften Sklavenlöhne gezahlt." Auch auf dieser Ausbeutung gründe sich Europas Wohlstand, sagte Müller. Nicht zuletzt durch Europas Vergangenheit als Kolonialherren trage man große Verantwortung.

Den Kurswechsel in der Afrika-Politik begründete Müller damit, dass mit einigen zusätzlichen Milliarden für die Entwicklungshilfe die Herausforderungen nicht bewältigt werden könnten. Müller forderte die deutsche, aber auch europäische Wirtschaft dazu auf, die Chancen des Kontinents zu nutzen und dort zu investieren. Internationale Konzerne müssten unter Beweis stellen, dass sie ihr Geld von der Öl- bis zur Schokoladenproduktion nicht auf Kosten der Menschen am Anfang der Produktionskette verdienen.

Das "alte System vom reichen Europa und dem armen Afrika" habe keine Zukunft, sagte der Entwicklungsminister weiter und forderte ein Umdenken in der Entwicklungspolitik. Afrika müsse als gleichberechtigter Partner behandelt werden. Über den Markt könnten Milliardensummen in die afrikanischen Länder geleitet werden, "ohne dass es unseren Wohlstand in Europa schmälern würde", sagte Müller.   

Bei dem bislang tödlichsten Flüchtlingsunglück im Mittelmeer waren vor einer Woche mehr als 800 Menschen ertrunken. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge ist die Zahl der Toten im Mittelmeer seit Jahresbeginn damit auf mehr als 1.750 gestiegen. Am Samstag hatte die italienische Marine vor der libyschen Küste erneut 274 Flüchtlinge aus dem Meer gerettet, am Vortag waren 334 Menschen aus Seenot gerettet worden.

Die Flüchtlinge kommen oftmals aus Ländern wie Eritrea, dem Niger, Nigeria oder Syrien. Sie fliehen vor Bürgerkrieg, Verfolgung und Armut, weshalb auch die Befriedung der Konflikte in den Ländern selbst sowie wirtschaftlicher Aufschwung wichtige Mittel sind, um das Massensterben im Mittelmeer einzudämmen.