Vor ein paar Wochen saß ich mit Stan Veuger an der Bar des Mayflower Hotel in Washington, wo Amerikas politische Insider seit jeher Gerüchte austauschen und Komplotte schmieden. Anstatt über die üblichen Themen – wie beispielsweise Hillary Clintons Kandidatur – zu diskutieren, schimpfte Veuger über Deutschlands Rolle in der Eurokrise.

Veuger hat in Harvard promoviert und ist mittlerweile Wissenschaftler am American Enterprise Institute, einem Washingtoner Thinktank, das konservativen Republikanern ihre wirtschaftspolitischen Stichwörter zuflüstert. Jeb Bush, Ted Cruz, Rand Paul — vom angeblich moderaten Republikaner bis hin zum hartgesottenen Champion der Tea Party reichen sich am American Enterprise Institute prominente Präsidentschaftskandidaten die Klinke in die Hand.

Die Position der meisten linken Journalisten und Ökonomen ist klar: Deutschlands harte Haltung gegenüber Griechenland ist eine Katastrophe. Aber wie denkt jemand, der an einem radikallibertären US-Thinktank arbeitet? Der wird doch sicher die europäische Sparpolitik verteidigen, oder? "Die Kombination von Sparkurs und harten Strukturreformen ist eine Katastrophe", sagt Veuger stattdessen. Und wiederholte daraufhin all die Klagen, die zu hören ich in den USA gewohnt bin. Deutschland treibe ganz Europa in die Sparfalle. Die große Mehrheit der deutschen Wirtschaftswissenschaftler seien von "allen guten Geistern verlassen". Ihre Vorschläge näherten sich mittlerweile der klassischen Definition der Geisteskrankheit an: immer dasselbe tun und trotzdem auf andere Ergebnisse hoffen. "Im Allgemeinen sollte der Staat eine kleinere Rolle spielen. Aber bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit auf Sparpolitik zu setzen, ist verrückt."

"Sag mal", fragte ich ihn überrascht, "kannst Du so was bei dir im Büro überhaupt laut sagen?"

"Aber natürlich. Da gibt es doch gar nichts zu diskutieren. Das ist bei uns praktisch Konsens."

Wer die Debatte über die Eurokrise sowohl in der angelsächsischen als auch in der deutschen Presse verfolgt, muss wissen, dass sich die deutsche Expertenmeinung – und, in ihrem Zuge, auch die europäische Wirtschaftspolitik – schon längst vom internationalen Konsens verabschiedet hat. Und die Diskrepanz wird immer größer.

Sparen steht über allem anderem

In der deutschen Debatte gibt es, grob gesagt, zwei Positionen. Einerseits sind da die Griechenland-Kritiker. Sie halten Alexis Tsipras für hochgefährlich und Griechenland für kaum reformierbar. Falls das Land radikal sparen würde, so meinen sie, dann könne es eventuell in der Währungsunion bleiben. Aber weil die politische Klasse Griechenlands zu solch einer disziplinierten Politik nicht fähig sei, führe an einer Staatspleite wahrscheinlich kein Weg vorbei. Da Deutschland den Griechen moralisch nichts schulde, sollten Angela Merkel und Wolfgang Schäuble vor allem darauf bedacht sein, eigene Verluste so klein wie möglich zu halten.

Andererseits sind da die Griechenland-Versteher. Sie sehen die griechische Führungsriege als ehrlich bemüht, das Land zu reformieren. Außerdem pochen sie auf unsere moralische Verantwortung gegenüber den südeuropäischen Ländern – aufgrund der deutschen Vergangenheit und aufgrund der europäischen Zukunft. Griechenland, so meinen sie, brauche einfach mehr Zeit und Luft, das Richtige zu tun.

Da außer diesen beiden Standpunkten in den deutschen Medien kaum eine andere Meinung zu hören ist, scheinen sie denkbar weit auseinanderzuklaffen. Tatsächlich aber gleichen sie sich in zwei entscheidenden Punkten. Erstens gehen beide davon aus, Griechenland könne sich nur retten, indem das Land kräftig spart. Und zweitens gehen beide davon aus, moralische Beweggründe würden letztlich darüber entscheiden, ob Deutschland den Griechen weiter Geld leihen solle. Beide Annahmen halten führende Ökonomen in England und den USA für grundfalsch.