Wir schreiben das Jahr 2012. Die Bundestagswahl liegt noch ein Jahr vor ihm, da hat Sigmar Gabriel, Chef der damaligen Oppositionspartei SPD, eine visionäre Idee. Gemeinsam mit den Gewerkschaften entwickelt er ein Konzept, das die Menschen davor bewahren soll, im Alter zum Sozialfall zu werden. Weil im Jahr 2030 das gesetzliche Rentenniveau nur noch bei 43 Prozent des Durchschnittslohns liegen wird, sollen die Menschen künftig stärker über ihren Arbeitgeber vorsorgen. Jeder Arbeitnehmer soll bereits bei der Einstellung obligatorisch in eine betriebliche Altersvorsorge einzahlen und nur auf seinen Widerspruch hin befreit werden, schlägt Gabriel vor.

Das Thema bleibt auch nach der Wahl aktuell. Im Koalitionsvertrag bekräftigt Schwarz-Rot den Willen, die betriebliche Altersvorsorge auszubauen.

Doch das Projekt kommt nicht so recht voran. Dabei besteht durchaus Handlungsbedarf. Zwar ist die Zahl der Beschäftigten, die in eine Betriebsrente einzahlen, seit 2001 um eine halbe Million auf 17,8 Millionen gestiegen, aber noch immer sind 40 Prozent der Beschäftigten unversorgt. "In großen Unternehmen ist fast jeder versorgt", sagt Ergo-Vorstand Frank Neuroth, der bei dem Versicherungskonzern für die betriebliche Altersvorsorge zuständig ist. "In kleinen und mittleren Betrieben haben aber nur 30 Prozent der Beschäftigten eine Absicherung über den Arbeitgeber."

Das will Sozialministerin Andrea Nahles ändern. Beraten wird die SPD-Politikerin dabei von einer Arbeitsgruppe, in der sich Vertreter der Arbeitgeber, Gewerkschaften, Mitarbeiter des Arbeits- und Finanzministeriums sowie Altersvorsorgeexperten treffen. Die Gruppe, einst klein gestartet, ist im Laufe der Zeit stetig gewachsen. Zuletzt diskutierten die Teilnehmer das "Neue Sozialpartnermodell Betriebsrente", das Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände stärker einbinden soll. Sie sollen Pensionsfonds oder Pensionskassen ("gemeinsame Einrichtungen") gründen können, von denen die Betriebsrenten in Form von Beitragszusagen verwaltet werden. Das Modell lohne sich für beide Seiten, argumentiert das Ministerium. Für Arbeitgeber bestehe der Anreiz darin, dass Haftungsrisiken entfallen würden. Wenn die gemeinsame Einrichtung die zugesagte Leistung nicht erbringen kann, soll der Pensions-Sicherungs-Verein als Ausfallbürge eintreten, es gelte das Prinzip "pay and forget" (zahlen und vergessen). Für die Gewerkschaften bestehe der Anreiz darin, dass mehr Beschäftigte als bisher arbeitgeberfinanzierte Betriebsrenten erhielten.

Die Tarifpartner sind skeptisch

Doch bei den Tarifpartnern sieht man die Vorschläge mit Skepsis. "Wir fürchten, dass es bei den Betriebsrenten einen Unterbietungswettbewerb geben wird", sagt Jean Abel, Referatsleiter beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Arbeitgeber, die heute eine gute Altersvorsorge anböten, würden sich künftig wahrscheinlich nur noch für das abgespeckte Modell entscheiden. "Wir sehen die Gefahr, dass mittelfristig das Versorgungsniveau für alle Neuverträge sinkt." Eine Sorge, die auch die Arbeitgeber umtreibt. "Für Arbeitgeber würde es sich nicht mehr lohnen, eigene Betriebsrentensysteme zu unterhalten. Oft sind es aber gerade diese Systeme, die in den einzelnen Unternehmen mit besonders viel Herzblut betrieben werden", sagt Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Die Bereitschaft der Unternehmen, sich überhaupt für betriebliche Altersvorsorge zu engagieren, würde damit geschwächt. "Wenn wir am Ende nicht mehr, sondern weniger betriebliche Altersvorsorge hätten, wäre das Gegenteil dessen erreicht, was das Ministerium wollte", sagt Gunkel.

Nicht nur Gewerkschaften und Arbeitgebern wird inzwischen mulmig. Das Sozialpartnermodell würde die Probleme nicht lösen, meinen auch die Versicherer. Um die betriebliche Altersversorgung flächendeckend auszubauen, seien grundsätzliche Umbauten nötig. Für Geringverdiener beispielsweise ist die Förderung der Betriebsrente bislang kaum attraktiv. Zwar sind die Einzahlungen in einem bestimmten Rahmen steuerfrei. Beschäftigte mit niedrigen Einkommen haben davon aber kaum etwas. Für sie wären staatliche Zuschläge attraktiver, wie sie bei der privaten Riester-Rente gezahlt werden. "Aus dem Ministerium gibt es Signale, dass man bereit ist, über die steuerliche Begünstigung nachzudenken", berichtet Kerstin Schminke, politische Sekretärin beim IG-Metall-Vorstand und Mitglied der Experten-Arbeitsgruppe. Das Problem ist nur: "Gleichzeitig heißt es, dass die Reform möglichst nichts kosten darf", sagt Schminke.