ZEIT ONLINE: Herr Faulstich, scheitert die Energiewende wenn die Kohlelobby die von Wirtschaftsminister Gabriel geplante Klimaabgabe für ältere Kraftwerke verhindert?

Martin Faulstich: Scheitern wird sie wohl nicht. Aber sie wird Schaden nehmen – und es wäre ein verhängnisvolles Signal, wenn die Deutschen Ende des Jahres mit leeren Händen zum Weltklimagipfel nach Paris fahren würden. Wenn sie eingestehen müssten, das selbst gesteckte Ziel nicht erfüllen zu können.

ZEIT ONLINE: Sie meinen das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 um 40 Prozent ...

Faulstich: ... zu vermindern, genau das meine ich. Dieses Ziel wäre ohne die neue Klimaabgabe kaum noch erreichbar. Ausgerechnet die Deutschen, die beim Klimaschutz Vorreiter sein wollen, stünden dann in Paris unglaubwürdig da.

ZEIT ONLINE: Die drohende Lücke bei der Verminderung des CO2-Ausstoßes könnte doch auch durch mehr Klimaschutz im Verkehr oder bei der Wärmeversorgung von Gebäuden geschlossen werden. Stattdessen drangsaliert die Regierung nur die Kohlekraftwerke. Ist das richtig?

Faulstich: Richtig ist, dass der CO2-Ausstoß der Stromerzeugung rund 40 Prozent aller deutschen CO2-Emissionen ausmacht. Deshalb müssen die Kohlekraftwerke im Klimaschutz so klar angegangen werden. Das für Mitte des Jahrhunderts angepeilte Ziel, fast klimaneutral zu leben und zu wirtschaften, lässt sich jedoch nur erreichen, wenn zudem auch der Verkehr und die Wärmeversorgung substantiell und frühzeitig dekarbonisiert werden.

ZEIT ONLINE: Ist die Regierung bei der Emissionsminderung im Verkehr und bei der Wärmeversorgung ehrgeizig und entschlossen genug?

Faulstich: Da müsste sie wirklich noch deutlich mehr machen. Bei der Elektromobilität ist das Ziel ...

ZEIT ONLINE: ... eine Million Elektroautos bis 2020 ...

Faulstich: ... in weite Ferne gerückt. Der Klimaschutz bei Gebäuden kommt ebenfalls nicht in dem erforderlichen Maße voran.

ZEIT ONLINE: Die bei der Stromerzeugung entstehenden Emissionen werden bereits durch den europäischen Emissionshandel reguliert. Ist jetzt ein von der deutschen Regierung erfundenes Nebeninstrument wirklich nötig und sinnvoll?

Faulstich: Ja, denn vom Emissionshandel geht schon seit Jahren kein ausreichendes Preis- und Klimaschutzsignal mehr aus. Weil Deutschland ehrgeizigere Ziele als die EU hat, ist es richtig, auch ein zusätzliches Instrument zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Das ist exakt das Argument der Regierung. Glauben Sie im Ernst, dass in absehbarer Zeit eine ausreichende Mehrheit der 28 EU-Staaten für eine grundlegende Reform des Emissionshandels sorgen wird – für eine, die die "vorübergehende" deutsche Klimaabgabe wieder überflüssig macht?

Faulstich: Ihr Pessimismus ist nicht unbegründet. Nach Lage der Dinge wird es in den nächsten Jahren nicht wirklich zu der erforderlichen Reform kommen. Umso mehr muss sich die Bundesregierung für eine Reform einsetzen. Und da – wie gesagt – die deutschen Klimaziele ehrgeiziger sind als die europäischen, muss auch mehr getan werden und die geplante Klimaabgabe umgesetzt werden.