Fünf Jahre ist es nun her, dass die Krise in der Mitte Europas eskalierte. Im April 2010 taumelte Griechenland auf die Pleite zu, und Deutschland war gerade mit den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Weil Angela Merkels CDU die Felle davonschwammen, setzte die Kanzlerin auf Wohlstands-Populismus: Kein deutsches Geld werde für die Griechen fließen, trommelte sie auf den Marktplätzen. In der Währungsunion sei jedes Land für sich verantwortlich.

Die Finanzmärkte, die bislang implizit angenommen hatten, dass die EU-Institutionen und vor allem die Europäische Zentralbank (EZB) im Notfall Mitgliedsländer schon rauspauken würden, vernahmen es mit Panik: Der Euro, stellten sie plötzlich fest, ist für wankende Mitgliedsstaaten faktisch Fremdwährung, jedes Eurozonenland also in einer Lage wie Mexiko, wenn es sich in Dollar verschuldet. Die Zinsen für die Krisenstaaten stiegen steil an. Es war für die Kanzlerin kein guter Deal. Nordrhein-Westfalen ging dennoch verloren. Und im Mai vor fünf Jahren gab es dann doch Kredithilfen für Griechenland, das erste "Griechenlandpaket".

Natürlich sind solche historischen Daten stets auch immer ein wenig willkürlich gesetzt – sie sind Schlüsselmomente in einem Prozess, der schon vorher begann und hinterher auch ein paar dramatische Tage kannte. Es handelt sich um einen Prozess, der seit mindestens sieben Jahren schon in Gang ist und in dem so ziemlich alles falsch gemacht worden ist, was man falsch machen kann. 

Aus einer anfänglichen Bankenkrise wurde eine Staatsschuldenkrise (Griechenland ist hier tatsächlich eine Ausnahme, da die Staatsschuldenkrise auch ohne Bankenkrise eingetreten wäre), man spannte hektisch Rettungsschirme an den EU-Institutionen vorbei und auf dem Treffen der Euro-Finanzminister im April 2010 wurde der Schalter in Richtung Austeritätspolitik umgelegt: Überall in Europa sollten Haushalte zeitgleich konsolidiert, sollen Schulden reduziert werden. Aufgehübscht wurde diese Politik mit dem wirtschaftstheoretischen Voodoo der Expensionary Contraction, der originellen Idee, die Wirtschaft würde wachsen, wenn der Staat seine ökonomischen Aktivitäten einschränkt, da dann die Märkte wieder Vertrauen fassen und die Investitionen anspringen. Da dies in der Realität genauso selten vorkommt, wie etwa dass ein Hungernder, wenn er noch weniger isst, immer dicker wird, ist das Ergebnis erwartbar gewesen: fünf Jahre Rezession oder Stagnation. Noch immer ist die Wirtschaftsleistung in der gesamten Eurozone unter dem Vor-Krisen-Level.

Diese Rettungspolitik ist ausreichend oft beschrieben worden. Das Problem ist, dass sie mit der Beschreibung nicht gleich weggeht und dass es auch eine Reihe von Ursachen gab, die sie begünstigten, vielleicht sogar erzwangen, die also einen anderen politischen Kurs nahezu verunmöglichten. Schlimmer noch: Wie eine andere Politik durchgesetzt werden könnte, ist heute faktisch unvorstellbar.

Denn nicht alles, was die Eurostaaten unternommen haben, war böse Absicht oder schiere Unfähigkeit. Dass die Fehlkonstruktionen der Eurozone nicht repariert wurden und, im Gegenteil, die gesamte Notfallarchitektur außerhalb der EU-Verträge organisiert wurde, hat ja gute Gründe gehabt. Man musste schnell vorgehen und konnte sich nicht mit einer großen EU-Vertragsreform aufhalten, die nicht nur Ratifizierungsprozesse in allen Parlamenten sondern sogar nationale Volksabstimmungen verlangt hätte – mit dem hohen Risiko des Scheiterns. 

Rettungsschirme, Banken- und Fiskalunion, all das wurde, beispielsweise, von der britischen Regierung blockiert, da lag es natürlich nahe, schnell eine Vertragsarchitektur zu zimmern, die in formaler Hinsicht ein Netz bilateraler Verträge zwischen Nationen knüpft und nicht auf dem Fundament der EU-Verträge ruht und die die dysfunktionalen Euro-Institutionen nur "ergänzt". Aber mehr europäische Integration – beispielsweise eine gemeinsame Fiskalpolitik, eine europäische "Bundesregierung", die Konjunkturprogramme auflegt, neue Regeln für die Europäische Zentralbank (EZB) –, all das lässt sich so nicht hinbekommen.