Die Folgen von fünf Jahren Krise sind in Athen inzwischen unübersehbar. Geschäfte stehen leer, Suppenküchen sind voll und die Zahl der Obdachlosen hat sich nahezu verdoppelt. Als der Ökonom Zsolt Darvas im vergangenen Herbst vom Europäischen Parlament damit beauftragt wurde, in einer Studie zu untersuchen, wie sich das Leben der Menschen in Griechenland und anderen Staaten der Europäischen Union durch die Schuldenkrise verändert hat, machte er sich daher auf das Schlimmste gefasst. Doch die Zahlen, die Darvas am Ende in einer Tabelle zusammenfasste, überraschten ihn trotzdem. "Nicht nur in Griechenland, gleich in mehreren Eurostaaten gibt es inzwischen eine echte Armutskrise", sagt Darvas, der beim Brüsseler Thinktank Bruegel arbeitet.

Zusammen mit seiner Kollegin Olga Tschekassin hat Darvas für die Staaten der Europäischen Union sogenannte Armutsquoten errechnet. Dafür griffen die Forscher auf Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat zurück, die jedes Jahr mit Umfragen misst, wie viele Menschen in Europa in Armut leben. Nach der Definition von Eurostat gilt jemand als arm, wenn er mindestens vier von insgesamt neun Armutskriterien erfüllt. Die Kriterien decken zum einen Grundbedürfnisse ab, etwa, ob jemand seine Miete bezahlen, seine Wohnung ausreichend heizen und genügend Proteine zu sich nehmen kann. Aber auch, ob jemand mindestens eine Woche pro Jahr in den Urlaub fahren kann oder ein Telefon besitzt, spielt eine Rolle.

In der gesamten EU leben nach dieser Definition rund neun Prozent der Menschen in Armut. Die Quote ist seit fast zehn Jahren nahezu stabil und hat sich auch während der Wirtschaftskrise nur leicht verändert. Doch schaut man etwas genauer hin und untersucht einzelne Länder, wie es Darvas und Tschekassin gemacht haben, ergibt sich ein anderes Bild: Vor allem in Ländern, die nach 2008 eine Schuldenkrise erlebten oder von den anderen EU-Staaten mit Hilfskrediten unterstützt werden mussten, ist die Armut größer geworden. In Spanien gelten inzwischen 2,8 Millionen Menschen als arm, das sind mehr als eine Million mehr als noch 2008. In Italien ist die Zahl der Armen sogar um drei Millionen gestiegen und in Griechenland hat sie sich während sieben Jahren Krise fast verdoppelt. Über 20 Prozent der Griechen gelten inzwischen als arm.

Die Unterschiede wachsen

Wie dramatisch der Einbruch des Lebensstandards für die Menschen in Griechenland war, zeigt auch eine Studie, die die beiden griechischen Ökonomen Tassos Giannitsis und Stavros Zografakis im März veröffentlicht haben. Im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung wollten sie herausfinden, wie sich die Einkommen der Griechen in der Krise entwickelt haben und werteten dafür Steuerdaten von rund 260.000 Haushalten für die Jahre zwischen 2008 und 2012 aus. Innerhalb dieser vier Jahre sank das verfügbare Einkommen im Durchschnitt um fast ein Drittel, stellten die Ökonomen fest.

Ganz anders sieht es in nördlichen EU-Staaten wie Deutschland oder Finnland aus. Hier sind die durchschnittlichen Einkommen in den vergangen Jahren konstant geblieben oder gestiegen und die Zahl der Armen daher gesunken. "Es besteht die Gefahr, dass es in Europa zu einer dauerhaften Spaltung in einen reichen Norden und einen armen Süden kommt", sagt Darvas.

Unterschiede in den Lebensstandards gab es in der Europäischen Union zwar auch schon vor der Eurokrise. Im Jahr 2006 lag das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Griechenland bei 19.600 Euro, in Portugal bei 15.800 Euro und in Deutschland bei 29.000 Euro. Doch damals sah es so aus, als ob die Unterschiede mit jedem Jahr kleiner würden. "Es gab einen stetigen Anpassungsprozess, weil die Volkswirtschaften in vielen südlichen Ländern schneller gewachsen sind als im Norden", sagt Fabian Lindner, Ökonom am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. "Die Krise hat diesen Prozess gestoppt und dafür gesorgt, dass es in die andere Richtung geht: Die Unterschiede werden wieder größer."