Wenn man das Video ansieht, fällt es schwer, unberührt zu bleiben. Man sieht Kapitän Joshua Bhatt auf der CS Caprice, wie er auf der Brücke seines Schüttgutfrachters steht und per Funk auf einen Schleuserkapitän einredet. Bhatt hat einen Notruf der Seenotrettungsstelle auf Malta erhalten, er soll die Flüchtlinge auf dem Schiff retten. Das internationale Seerecht verlangt, dass er zu Hilfe kommt – das ist nicht nur ein Ehrenkodex der Seefahrer, sondern gesetzliche Pflicht.


Bhatt ruft in den Hörer: Das Wetter werde sich verschlechtern, Windstärke Neun sei angesagt, es werde bald dunkel. "Please, come on board", fleht Bhatt immer wieder – bitte, kommen Sie an Bord. Doch der Schleuser will verhandeln: Die Flüchtlinge wollten nach Italien, welche Garantie könne ihm Bhatt geben, dass es tatsächlich dorthin gehe.

Bhatt wird ungeduldig, er will Menschenleben retten, ein Sturm zieht auf. "Hören Sie auf, Zeit zu verschwenden." Nach zähen Verhandlungen legt das Flüchtlingsschiff endlich an der Schiffswand an. 510 erschöpfte Menschen werden auf die CS Carprice gehievt, darunter viele Babys und Kinder. Das Video, dessen Echtheit die christliche Seefahrerorganisation NAMMA bestätigt hat, zeigt, wie sie sich erschöpft, aber erleichtert an Bord drängen.

So wie in dem Video ergeht es gerade vielen Kapitänen, die ihr Schiff durch das Mittelmeer steuern. In nur drei Monaten hätten zwei seiner im Mittelmeer stationierten Schiffe mehr als zwölf Mal auf Anfrage der Seenotrettung ausrücken müssen, sagt der deutsche Reeder Christopher E. Opielok aus Hamburg. Knapp 1.100 Menschen haben seine Schiffe in diesem Jahr aufgenommen. Für die Crew eine kaum vorstellbare Belastung.

Plötzlich werden Kapitän und Besatzung zu Ersthelfern für Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten. Die physischen und psychischen Belastungen für die Mannschaft seien enorm, sagt Opielok. Hinzu komme, dass niemand wisse, wer da eigentlich an Bord komme. Oftmals habe die Mannschaft Angst um die eigene Sicherheit.

Vor den Augen der Crew sterben Flüchtlinge, entweder noch im Wasser oder an Bord, unterkühlt vom gerade einmal 16 Grad warmen Mittelmeer. Auf den Schiffen fehlt es an Notfallmedizin, Essen und Wasser sind knapp und immer wieder gibt es Streit um die weitere Route. Wohin das Schiff die Flüchtlinge bringt, liegt in der Hand der zuständigen Behörde an Land. Erst kürzlich gab es Tumulte an Bord eines dänischen Schiffes, als die Geretteten hörten, dass es nicht nach Italien, sondern Griechenland gehen werde.

Aus Angst vor Überfällen versuchen die Kapitäne daher, keine Flüchtlinge auf die Brücke oder in den Maschinenraum zu lassen. "Die Geretteten als auch unsere Besatzungen und Firmen brauchen mehr Unterstützung", fordert Opielok. Erste Crewmitglieder hätten bereits gekündigt, zu groß sei die seelische Belastung.