Die Debatte um die umstrittene Erdgas-Fördermethode Fracking geht in die nächste Runde. Nach einem langen und überaus kontroversen Meinungsfindungsprozess liegt nun ein vom Bundeskabinett verabschiedeter Gesetzentwurf vor. Trotzdem wird die Diskussion wohl auf hohem Erregungsniveau weitergehen.

Auch wenn ein Vergleich mit der Kernenergie oder der Kohlenutzung überzogen und letztlich unangemessen ist, kann eine Reihe von Risiken, die mit Fracking verbunden sind, nicht abgestritten werden. Der Untergrund wird strukturell verändert, und es werden problematische Chemikaliencocktails in die Tiefe gebracht.

Die entscheidende Frage ist deshalb: Welcher Nutzen steht den Risiken der Fracking-Technologie gegenüber? Ein Hauptargument der Befürworter lautet: Es macht Erdgas billiger. In der Tat lagen die Erdgaspreise in den USA und Kontinentaleuropa über lange Jahre immer auf etwa gleichem Niveau. Mit dem Durchbruch der Fracking-Technologie in den Vereinigten Staaten sanken sie 2012 und 2013 jedoch auf etwa 20 bis 30 Prozent des europäischen Niveaus. In den vergangenen Monaten hat sich die Schere wieder deutlich geschlossen, aktuell liegen die amerikanischen Preise bei etwa 50 Prozent der hiesigen Großhandelspreise.

Also ist Fracking nur eine technologische Revolution, die auch hierzulande angewendet werden sollte, um die Preise signifikant zu drücken?

Unbestritten ist, dass neue Bohrtechnologien und die Entwicklung chemisch-mechanischer Methoden zum effektiven Aufbrechen der Gesteinsformationen den Zugang zu neuen Erdgaslagerstätten erlauben. Beide Innovationen sind technisch durchaus sehr beeindruckend, aber zur Erklärung des Erdgas-Preisverfalls in den USA taugen sie nur teilweise. Zustande gekommen ist dieser vor allem durch einen ruinösen Wettbewerb der Produzenten. Die extrem hohe Wettbewerbsintensität und die großen, kaum steuerbaren Fördermengen führten dazu, dass die Förderunternehmen in riesigem Umfang Kapital vernichtet haben und teilweise sogar in die Insolvenz gerutscht sind.

Letztlich ist Fracking in den USA aufgrund der niedrigen Erdgaspreise keine kostendeckende Technologie. Dies ist auch ein Grund dafür, dass die Zahl der neuen Bohrungen in den vergangenen Monaten stark gesunken ist. Die restriktive Exportpolitik der US-Regierung bei Erdgas hat die Problematik noch erheblich verschärft und wird auch deswegen von der amerikanischen Erdgasindustrie bekämpft (Im Gegensatz zu den großen Erdgasverbrauchern, die vom ruinösen Wettbewerb profitieren).

Wildwest im Untergrund

Die Ursachen für den Verfall der US-Erdgaspreise liegen also vor allem in einer sehr speziellen Marktstruktur und einer Abschottung von den globalen Erdgasmärkten. Kann und wird sich dies in Europa wiederholen? Die Antwort hierauf ist ein klares Nein. Die mit der Fracking-Technologie fördernden Unternehmen werden genau den gleichen Preis durchsetzen, den die großen Exporteure erzielen, die über Pipelines oder Schiffe Erdgas in Europa anlanden. Und selbst wenn der Preis sinken würde, läge der Rückgang in einer Größenordnung von ein oder zwei Prozent.

Und wie steht es mit der Energieabhängigkeit? Natürlich müsste durch Fracking in Deutschland künftig weniger Gas importiert werden. Aber schon ein Bruchteil des in die Fracking-Debatte investierten Kapitals hätte ausgereicht, um die steuerliche Absetzbarkeit von Gebäudesanierungen umzusetzen und damit über eine verstärkte Energieeffizienz einen mindestens gleichwertigen Abbau der Importabhängigkeit zu erreichen.

Die Fracking-Debatte zeigt aber auch eines: Es besteht grundsätzlicher Regelungsbedarf zur Nutzung des Untergrundes. Denn vor dem Fracking ist auch die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid (die im Gegenzug zu den auch hier unbestreitbaren Risiken zumindest den Nutzen einer erheblichen Entlastung des Klimas hätte) in Deutschland gescheitert. Die Geothermie leidet ebenfalls unter Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung.

Während die Flächennutzung an der Oberfläche strikt und mit klarer Orientierung auf Interessenausgleich planerisch geregelt wird, herrscht im Untergrund das Recht des Wilden Westens. Die Ergänzung der herkömmlichen Flächennutzungsplanung an der Oberfläche durch eine systematische und sorgfältige Planung der Nutzung des Untergrunds wäre zweifelsohne ein perspektivreicheres und wahrscheinlich sinnvolleres politisches Großprojekt als die weitere Vernichtung politischen Kapitals in den nächsten Phasen der Fracking-Kontroversen.