Die neue griechische Regierung will vieles anders machen als ihre Vorgänger. Eines ihrer wichtigsten Ziele: Die grassierende Korruption im Land soll endlich effektiv bekämpft werden. Ministerpräsident Alexis Tsipras forderte zuletzt auch Hilfe von Deutschland: "Eine Aufgabe wäre es, gemeinsam daran zu arbeiten, die Korruption zu bekämpfen, die Griechenland leider nach wie vor knebelt", sagt er während seines Besuchs in Berlin. "Wir möchten hierbei Hilfe und Unterstützung von der deutschen Regierung erfahren."

Wie schwerwiegend das Korruptionsproblem in Griechenland ist, zeigt ein einzige Zahl: 24 Prozent. So hoch ist der Anteil der Wirtschaftsleistung, der am Fiskus vorbei läuft, schätzen internationale Beobachter. Im Korruptionsindex CPI der Organisation Transparency International liegen die Griechen auf Platz 69 von 174. Zusammen mit Bulgarien, Rumänien, Brasilien, Senegal, Swasiland und, ja, Italien. 60 Prozent aller Griechen haben laut Transparency schon einmal Bestechungsgeld bezahlt oder kassiert. 

Seit es Parteien in Griechenland gibt, festigen die Mächtigen im Land ihre Herrschaft durch Korruption und Staatsausbeutung, sagt Andreas Stergiou, Professor für Politologie an der Universität Kreta, der zum griechischen Klientelismus forscht. Das Land funktioniere nach dem Prinzip "Schmieren und geschmiert werden". Die Hauptprobleme heute: Es gibt keine zentrale Erfassung, weder bei Steuern, noch beim Kataster, also den Liegenschaften. Lange versickerten so auch Millionensubventionen der EU. Weil niemand erfasst, wem welcher Olivenacker gehört, aber 20 Bauern ihn als ihren eigenen anmelden, fließen 20 mal Subventionen für dasselbe Stück Land.

Transparenz von außen notwendig

Hinzu kommt ein Labyrinth von Behörden. Mehr als 15 staatliche Stellen sind für die Korruptionsbekämpfung zuständig. Das Problem: Sie funktionieren nicht oder können verhängte Sanktionen nicht durchsetzen, weil sie auf eine schwache Justiz treffen. Im ganzen Land sollen 30 Staatsanwälte gezielt gegen Korruption ermitteln. Zum Vergleich: Allein in München arbeiten mehr Wirtschaftsstaatsanwälte. Zudem können viele der griechischen Kollegen weder Bilanzen lesen, noch wirklich Englisch, das behindert die Bearbeitung internationaler Fälle, in die Unternehmen verstrickt sind. Und die extrem schlechte Bezahlung griechischer Richter, Staatsanwälte und Polizisten trägt auch nicht gerade dazu bei, dass die Geld von außen ablehnen.

Das Haupthemmnis aber ist, dass viele Staatsbedienstete selbst zum Kreis einer nationalen Elite gehören, die sich gegenseitig Vergünstigungen und Posten zuschanzt. Daran scheiterte der Kampf gegen Korruption bisher. Zuletzt als der 2013 eingesetzte Generalsekretär für Steuereinnahmen für spektakuläre Festnahmen sorgte und kurz darauf von der Regierung von Antonis Samaras wieder abgesetzt wurde. Mächtige und wohlhabende Griechen hatten sich gegen seine Arbeit gewehrt. "Das Klientelsystem hat es geschafft, die Instanzen zur Bekämpfung der Korruption extrem zu kastrieren", sagt Kostas Bakouris von Transparency Griechenland. "Jetzt helfen nur Transparenzmechanismen jenseits der offiziellen Behörden."

Und diese Transparenz von außen müsse nun auch aus Deutschland kommen, fordert Politikforscher Stergiou. "Die Deutschen müssen ihre Mitschuld anerkennen, statt die Griechen als Parasiten zu beschimpfen." Zwar könne nur eine grundlegende Verfassungsreform endlich die Hindernisse der Justiz aus dem Weg räumen, aber "wenn die Deutschen helfen wollen, dann müssen sie die Namen und Praktiken offenlegen." Die Namen von denjenigen Unternehmen, die Kapital aus der Schwäche der griechischen Behörden geschlagen haben.