Der IG BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis im Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop © dpa

ZEIT ONLINE: Herr Vassiliadis, werden Sie gerade zum Bremser der Energiewende?

Michael Vassiliadis: Nein, ich unterstütze das Ziel. Aber die Energiewende muss realistisch, sozial verantwortlich und ökonomisch vernünftig umgesetzt werden. Es gibt beispielsweise technische Herausforderungen, die noch immer ungelöst sind, wie die Speicherfrage für Strom aus erneuerbaren Energien. Durch einen Kohleausstieg kommt die Energiewende nicht voran.

ZEIT ONLINE: Aber Energiewende und Braunkohle passen einfach nicht zusammen, wenn man gleichzeitig das Klima schützen will.

Vassiliadis: Durch die Energiewende stellen wir die Energieversorgung auf Erneuerbare um. Wenn das funktioniert und Nachahmer findet, ist das ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Doch die Politik versucht stattdessen, den Klimaschutz herbeizuregulieren, indem sie eine Klimaabgabe erhebt. Das ist ein großer Fehler. Die Kraft dafür sollte man lieber in ungelöste Innovationsfragen investieren. Dann kommt irgendwann der Tag von selbst, an dem wir auch die Braunkohle nicht mehr brauchen. Das habe ich im Übrigen nie bestritten. Er ist aber noch nicht da.

ZEIT ONLINE. Wann ist es soweit?

Vassiliadis: Die Grünen glauben, dass man bis 2025 oder 2030 aus der Kohle aussteigen kann. Aber wissen Sie, wie diese Zahlen zustande kommen? Weil dann die Genehmigungen für Braunkohletagebauen enden. Aber was machen wir in der Übergangsphase? Es gibt schon heute Techniken, mit denen sich Ökostrom speichern lässt, nehmen Sie Power-to-Gas. Aber solche Techniken sind unendlich teuer. Der Kohleausstieg wird nicht vor 2040 kommen, wenn er finanzierbar sein soll.

ZEIT ONLINE: Warum wehren Sie sich so gegen die Klimaabgabe?

Vassiliadis: Weil wir bereits eine Klimaschutzabgabe haben: den europäischen Emissionshandel. Gabriels neue Abgabe kommt zum falschen Zeitpunkt. Wir haben uns als Ziel den Kernenergieausstieg gesetzt. Den sollten wir jetzt erst einmal abarbeiten.

ZEIT ONLINE: Mag sein, dass wir fossile Energien vorerst noch brauchen: Aber eben dann klimafreundlicheres Erdgas als Kohle. Und das Problem ist ja, dass sich der Bau von Gaskraftwerken nicht lohnt.

Vassiliadis: Ja, das wäre schön, wenn wir uns den Brennstoff so modellieren, dass er zu unseren Zielen passt. Ich habe nichts gegen Gas. Aber wir müssen es importieren und es ist zurzeit sieben Mal so teuer wie Braunkohle. Wir sprechen viel zu wenig über Preise. Die Braunkohle ist im Moment der einzige subventionsfreie Energieträger. Und den wollen wir jetzt auch noch so verteuern, dass er aus dem Markt fliegt? Das halte ich für ökonomischen Irrsinn. Das kostet uns nicht nur in der Braunkohle Arbeitsplätze, sondern auch in der Industrie, wenn wir die Investitionen und Produktionen ins Ausland verlagern, wo Energie viel billiger ist. Das ist bereits ein Trend, den das Aus für die Braunkohle nochmals verschärfen würde.