Idylle vor dem Gewittersturm: Eine Frau pflückt Blüten aus einem Rapsfeld in der Ukraine, etwa 300 Kilometer von Kiew entfernt (Archivbild). © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Lissitsa, wird die ukrainische Landwirtschaft bald vom Westen kontrolliert?

Alex Lissitsa: Nein, das ist Quatsch. Es gibt keinen Run auf ukrainisches Land. Im Gegenteil: Die großen ausländischen Investoren, die Böden gepachtet haben, würden ihre Äcker lieber heute als morgen wieder abgeben. Aber sie kriegen sie nicht los. Seit 2012 ist das praktisch unmöglich.   

ZEIT ONLINE: Forscher des kalifornischen Oakland Institute haben das Interesse westlicher Konzerne und Institutionen wie der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds ausführlich dokumentiert.

Lissitsa: Es gab eine Zeit, in der tatsächlich viel Geld aus dem Ausland kam, aber die ist längst vorbei. Als die Nahrungsmittelpreise 2006 und 2008 stark gestiegen sind, schienen ukrainische Böden und landwirtschaftliche Betriebe ein lukratives Investment zu sein. Einige Unternehmen aus der Ukraine gingen mit großem Erfolg an die Börse. Andere nahmen über Anleihen Kredite auf. Damals wurden Milliarden Dollar investiert.

ZEIT ONLINE: Wer bekam das Geld?

Lissitsa: Vor allem die großen ukrainischen Agrarholdings. Sie besaßen viel Land und verfügten zumindest über einen Teil der für den Export nötigen Infrastruktur – beispielsweise große Silos zur Lagerhaltung. Aber seit 2012 hat sich die Lage drastisch verändert. Niemand mehr hat Interesse an der ukrainischen Landwirtschaft. Die neun ukrainischen Unternehmen, die an der Frankfurter Börse notiert waren, sind alle pleite. Große russische Investoren gibt es ohnehin kaum, bis auf eine Ausnahme, Renaissance Capital aus Moskau.

ZEIT ONLINE: Was war der Grund für den Umschwung?

Lissitsa: Es gibt drei Gründe: Auf dem Weltmarkt sind die Nahrungsmittelpreise wieder gefallen. Das zehrt an den Profiten. In der Ukraine wurde die lange versprochene Liberalisierung in der Landwirtschaft wieder und wieder verschoben. Bis heute darf Land nicht verkauft werden – das bremst das Geschäft und schafft Unsicherheit, zumal die Pachtverträge bisher im Schnitt nur fünf bis sieben Jahre lang laufen. Erst seit Kurzem gibt es ein Gesetz, das ihre Mindestdauer auf sieben Jahre festschreibt; das hilft uns ein wenig. Und schließlich lag der Fehler auch in den Unternehmen selbst: Sie waren zu groß, zu unübersichtlich, und dadurch schwer zu führen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem dominieren Holdings bis heute die ukrainische Landwirtschaft, sagen Forscher. So schwer können die großen Agrarfirmen es also gar nicht haben. 

Lissitsa: So einfach ist es nicht. Die kleinen Betriebe wachsen, und sie haben viele Vorteile.

ZEIT ONLINE: Sie leiten selbst eine große Agrarholding...

Lissitsa: Die Industrial Milk Company. Wir bewirtschaften 136.000 Hektar – und verdienen, anders als unser Name suggeriert, Geld vor allem durch den Export von Ölsaaten und Getreide. Außerdem bauen wir Kartoffeln für den ukrainischen Markt an, und ein wenig Milch produzieren wir auch noch, ebenfalls fürs Inland.

ZEIT ONLINE: Und wodurch genau sehen Sie sich gegenüber kleineren Betrieben im Nachteil?

Lissitsa: Die Kleinen genießen Steuerprivilegien, die wir nicht haben, und sie unterliegen nicht den gleichen strengen Bilanzvorschriften. Vor allem aber sind sie flexibler. Der logistische Aufwand ist beispielsweise deutlich geringer, etwa weil ihre Silos nicht so weit vom Feld entfernt stehen wie unsere. Wir müssen noch viel effizienter werden, sonst haben wir bei den gegenwärtigen Preisen keine Überlebenschance.

Wir müssen jedes Jahr Tausende Pachtverträge neu aushandeln

Unser Land setzt sich aus mehr als 40.000 Pachtverträgen zusammen, die nur eine Laufzeit von wenigen Jahren haben. Das heißt, dass wir jedes Jahr Tausende Pachtverträge neu aushandeln müssen. Wir fahren von Dorf zu Dorf, und oft kommen uns die kleinen Betriebe zuvor, die nur rund zwei- oder dreitausend Hektar Land unterm Pflug haben. Sie sind einfach schneller. Jedes Jahr schnappen sie uns so einige Tausend Hektar vor der Nase weg, und wir müssen dann Ersatz suchen. Es ist wie ein Klassenkampf zwischen Groß- und Kleinbetrieben.

ZEIT ONLINE: Wer sind die wahren Verlierer: Wirklich die Agrarholdings? Oder nicht vielleicht doch die Bauernfamilien, die noch viel weniger bewirtschaften als die paar Tausend Hektar, die Sie als klein bezeichnen?

Lissitsa: In den Familien gibt es doch kaum ein Interesse daran, die Höfe weiterzuführen. Die meisten dieser Bauern sind im Rentenalter. Sie schicken ihre Kinder zum Studieren in die Stadt – mit dem ausdrücklichen Befehl, nicht zurückzukommen. Wir haben in der Ukraine keine Tradition der familiengeführten Höfe, so wie in Deutschland oder Frankreich. Und es fehlt an Unternehmergeist. Die Leute scheuen das Risiko. 

ZEIT ONLINE: Wie sehr ist Ihr Unternehmen vom Krieg im Osten des Landes betroffen?

Lissitsa: Sehr. Wir spüren die Wirtschaftssanktionen, wegen ihnen ist Russland als Markt für uns komplett weggebrochen. Vor allem aber kommen wir kaum an frisches Kapital, um zu investieren. Die Zinsen sind unbezahlbar hoch, um die 50 Prozent! Das heißt: Um einen Kredit zu finanzieren, müssten wir mehr als 60 Prozent Rendite erwirtschaften. Das ist völlig illusorisch. Unsere einzige Hoffnung sind die internationalen Entwicklungsbanken, etwa die EIB oder IBRD oder die Weltbank. Immerhin dürfen unsere Mitarbeiter inzwischen nicht mehr eingezogen werden. Das ist per Gesetz verboten.