Wie lässt sich die Tragödie eines Krieges in Geld umrechnen? Im September 2012 setzte das Athener Finanzministerium eine Kommission zur Klärung dieser Frage ein. Monatelang trugen Fachleute des Rechnungshofs Tausende Dokumente zusammen. Dann begann das große Rechnen: Wie hoch sind die Kriegsschulden Deutschlands aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg?

Das Ergebnis: 278 Milliarden Euro. Diesen Wert nannte Finanzstaatssekretär Dimitris Mardas am Montag während einer Parlamentsdebatte in Athen. Der zugrunde liegende Bericht der Fachkommission ist nicht ganz neu, wurde bisher jedoch nicht offiziell veröffentlicht. Die griechische Wochenzeitung To Vima allerdings hat das Dokument kürzlich als Beilage abgedruckt – mit dem Titel "Wie viel uns Deutschland schuldet".

Knapp 200 Seiten umfasst die Studie, in etlichen Tabellen werden die ökonomischen Schäden aufgelistet und addiert. Auch eine mögliche Entschädigung für die 480.000 toten Zivilisten und die 70.000 toten Soldaten haben die Griechen beziffert und außerdem auch Zahlungen für Kriegsversehrte einbezogen. Der dabei ermittelte Betrag von 107,2 Milliarden Euro ist aber nicht in die nun im Parlament genannte Summe eingeflossen.

Möglicherweise wurde sie ausgeklammert, weil die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1960 eine Entschädigung für die Kriegstoten von 115 Millionen Deutschen Mark zahlte. Auch versuchen Privatleute in Griechenland seit Jahren, auf dem Rechtsweg einen Schadensersatz zu erwirken. Bislang ohne Erfolg.

Wie aber hat die Fachkommission die zu Kriegsende in Drachmen bezifferten Schäden in heutige Eurowerte übertragen? Zunächst rechneten die Autoren der Studie die Beträge in Dollar zum Wechselkurs vom November 1941 um. Die Wertentwicklung des Dollars in den folgenden 70 Jahren wurde dann entsprechend der Verzinsung von zehnjährigen US-Staatsanleihen nachvollzogen. Schließlich übertrug der griechische Rechnungshof die Dollarsummen in Euro, gemäß dem Wechselkurs vom 9. Dezember 2014.

Zwei Berechnungen: ein Unterschied von 40 Milliarden

Am Ende lagen zwei unterschiedliche Beträge vor, die auf zwei verschiedenen Berechnungsmethoden beruhten. Der erste Wert ergab sich aus Griechenlands Forderung auf der Pariser Friedenskonferenz von 1946: eine Summe von 310 Milliarden Euro. Aufgeschlagen wurde noch der Wert einer unbeglichenen Zwangsanleihe, zu deren Herausgabe das Deutsche Reich die griechische Regierung in der Besatzungszeit veranlasst habe. Veranschlagt hierfür: 10,3 Milliarden Euro.

Das Ergebnis der zweiten Berechnungsmethode fällt etwas geringer aus. Die Kommission hat dafür die Archive des griechischen Staates ausgewertet. Darin eingeflossen sind unter anderem Zahlen über beschlagnahmtes Gold, geraubte Geldwerte der Notenbank und zerstörte Handelsschiffe. Den größten Posten machen Schäden durch zerstörte Infrastruktur aus. Zudem haben die Autoren berechnet, welcher Schaden der griechischen Wirtschaft durch die verminderte Produktion während der Besatzung entstanden sei. 

Am Ende kommen die Autoren auf 269,5 Milliarden Euro. Hinzu rechnen sie noch Forderungen von 9,1 Milliarden Euro aus dem Ersten Weltkrieg, die nach Ansicht der Fachkommission ebenfalls unbeglichen sind. Welche Chancen Griechenland hat, auch nur Teile dieser Summe von Deutschland zu erhalten, ist vollkommen unklar. Die Bundesregierung lehnt es kategorisch ab, mit der Athener Regierung darüber zu verhandeln.