Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis © Kostas Tsironis/Bloomberg/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Varoufakis, in der Eurogruppe will offenbar niemand mehr gern mit Ihnen als Minister verhandeln. Sie sind isoliert?

Yanis Varoufakis: Nein, ich bin nicht isoliert. Was gerade in den Verhandlungen passiert, ist logisch: Wir sind die erste griechische Regierung, welche die bisherige Sparpolitik infrage stellt. Dass wir damit auf großen Widerstand innerhalb der Eurogruppe stoßen, ist doch klar.

ZEIT ONLINE: Auf dem jüngsten Treffen der Eurogruppe in Riga sollen Sie regelrecht beschimpft worden sein: Sie seien ein Amateur, Sie würden nur Zeit verschwenden. Stimmt das?

Varoufakis: Es ist sehr traurig, dass manche Medien Dinge berichten, die so nie stattgefunden haben. Meine Kollegen in der Eurogruppe sind sehr anständige und zivilisierte Menschen. Sie würden mich deshalb nie so bezeichnen. Wir pflegen trotz der harten Verhandlungen einen sehr kollegialen Umgang. Wir sind Profis.

ZEIT ONLINE: Es gibt keine Verärgerung darüber, dass die Verhandlungen schon so lange dauern?

Varoufakis: Es kann gut sein, dass den anderen Finanzministern die griechische Position in den Verhandlungen nicht gefällt. Und sie sind vielleicht auch frustriert, dass Griechenland nach fünf Jahren immer noch ein Krisenland ist. Aber sie gehen damit rational, ruhig und auch verständnisvoll um. Wir Griechen sind übrigens noch viel mehr frustriert, dass die Krise in unserem Land immer noch nicht beendet ist.

ZEIT ONLINE: Ihr Ministerpräsident Alexis Tsipras hat die Zuständigkeiten in den Verhandlungen mit der Troika neu verteilt. Viele Beobachter werten das als stille Entmachtung des griechischen Finanzministers.

Varoufakis: Sie sollten nicht alles glauben, was in manchen Zeitungen so geschrieben wird. Lassen Sie mich einfach die Fakten erklären. Erstens: Der Ministerpräsident hat im griechischen Fernsehen erklärt, dass ich ein wichtiger Bestandteil der Regierung bin und auch für ihn persönlich weiterhin eine wichtige Rolle spiele. Zweitens: Wir haben eine Gruppe von Ministern und anderen wichtigen Regierungsmitgliedern, die seit Wochen permanent an meiner Seite arbeiten, nun auch formell eingeführt. Wir haben der Arbeitsgruppe einen Namen gegeben. Ich habe den Vorsitz in dieser Gruppe, sie unterliegt meiner Zuständigkeit. Ich treffe die Entscheidungen.

ZEIT ONLINE: Sie leiten also weiterhin die Verhandlungen auf griechischer Seite?

Varoufakis: Ja, ich gebe den Ton an. Ich bin weiterhin für die Verhandlungen mit der Eurogruppe verantwortlich. Dabei werde ich von verschiedenen Regierungsmitgliedern unterstützt – unter anderem von meinem guten Freund Euklides Tsakalotos. Dass manche Medien es so darstellen, als ob er mich in den Verhandlungen ablösen würde, ist nur ein weiterer Beweis für die inzwischen so niedrigen journalistischen Standards.

ZEIT ONLINE: Einige Finanzminister werfen Ihnen vor, unvorbereitet zu den Treffen der Eurogruppe zu erscheinen.

Varoufakis: Ich glaube, es gibt niemanden, der in den vergangenen drei Monaten härter daran gearbeitet hat, eine Übereinkunft mit unseren europäischen Partnern zu finden. Das Problem ist nur: Unsere Reformvorschläge werden von den Institutionen nicht wirklich diskutiert. Und gleichzeitig bieten sie keine Alternativen an.

ZEIT ONLINE: Vielleicht, weil die Gegenseite der neuen griechischen Regierung immer noch nicht vertraut?

Varoufakis: Wir müssen unsere Partner davon überzeugen, dass wir es ernst meinen mit einer Reform Griechenlands und dass es mit uns keine Primärdefizite mehr geben wird. Dieses Vertrauen ist noch nicht vollständig vorhanden. Es ist unsere Aufgabe, es herzustellen.

Berlin, Frankfurt, Paris, Brüssel – einfach alle – müssen davon überzeugt werden, dass wir nicht nur verhandeln, um wieder in die alten, schlechten Zeiten zurückzukehren. Das bedeutet aber auch, dass die Institutionen im Gegenzug ihre bisherige Strategie überdenken. Sie müssen die Logik der vergangenen Rettungsprogramme hinterfragen. Die waren für Griechenland zerstörerisch.

ZEIT ONLINE: Die Euro-Finanzminister sehen das anders.

Varoufakis: Natürlich ist es nicht einfach, 18 Länder davon zu überzeugen, dass die Politik der vergangenen fünf Jahre falsch war. Die Eurogruppe ist ein komplexes Gremium, da ist es schwer, Fehler zuzugeben. Griechenland hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von Fehlern begangen und daraus gelernt. Jetzt ist es an der Zeit, dass auch die andere Seite Fehler eingesteht.