China, die Werkbank der Welt: Das war gestern. So will es zumindest die chinesische Regierung. Kürzlich hat sie einen Fahrplan für die Modernisierung der chinesischen Industrie verabschiedet. Die "Made in China 2025"-Strategie formuliert ehrgeizige Ziele bis 2025. Doch das ist nur die erste Etappe. Bis zum 100. Geburtstag im Jahr 2049 soll die Volksrepublik zur führenden "Industrie-Supermacht" aufsteigen. Die Marke "Made in China" soll dann nicht mehr für billige Massenware, sondern für Innovation, Qualität und Effizienz stehen. Das ist eine ernst zu nehmende Kampfansage an die etablierten Industrienationen.

Wenn es China gelingt, seine Pläne umzusetzen, dann wird das Land im Spitzentechnologiebereich für Deutschland zu einem Konkurrenten auf Augenhöhe. Chinesische Produzenten könnten dann nicht mehr nur mit günstigen Preisen aufwarten, sondern auch mit hochwertiger Qualität überzeugen.

Chinas Ambitionen sollten nicht unterschätzt werden. In der deutschen Industrie ist das Bild eines technologisch rückständigen Chinas weit verbreitet. Und tatsächlich ist die Technologielücke in manchen Bereichen noch groß. Dem Land ist es etwa in der Halbleiterindustrie trotz milliardenschwerer Fördermaßnahmen über viele Jahre hinweg nicht gelungen, eine ernsthafte Konkurrenz zu internationalen Marktführern aufzubauen.

Gelassenheit ist nicht angebracht

Allzu große Gelassenheit auf deutscher Seite könnte jedoch gefährlich werden. Denn China ist bekannt für überraschende und dynamische Entwicklungen. Ein lahmendes Wirtschaftswachstum und steigende Löhne machen das alte Modell der billigen Massenproduktion immer schwieriger. Deswegen tritt China die schnelle Flucht nach vorn an – in Richtung Qualität und Effizienz. Punktuell hat China längst eine beeindruckende Innovationskraft aufgebaut. Die chinesischen Telekommunikationsanbieter Huawei und ZTE gehören zu den innovativsten der Welt. China plant langfristig und stellt heute die Weichen für den Wettbewerb der fernen Zukunft. Die Regierung fördert gezielt vielversprechende Zukunftstechnologien. In den kommenden Jahren müssen sich die deutsche Industrie und Politik deshalb auf ein neues, innovatives China einstellen.

Gelassenheit ist vor allem deshalb nicht angebracht, weil China besonders in Industrien in die Offensive geht, die zum Rückgrat der deutschen Wirtschaft zählen. Im Fokus der "Made in China 2025"-Strategie stehen zehn Industrien, unter anderem die Luft- und Raumfahrt, Hochgeschwindigkeitszüge, Elektromobilität und der Ausbau der Stromnetze. Hier will China seine Produktionsanlagen modernisieren und ausländische Technologieimporte durch eigene Innovationen ersetzen.

Doch das ist China langfristig nicht genug. Zugleich forciert die Regierung die globale Expansion chinesischer Technologiekonzerne. Bislang beschränkt sich diese auf Infrastrukturprojekte im Eisenbahn- und Kraftwerksbau. In Zukunft könnten chinesische Unternehmen aber auch hochwertige Autos, Flugzeuge, Maschinen und Anlagen im Ausland anbieten.

Ein Weckruf für Deutschland

Die "Made in China 2025"-Strategie muss daher ein Weckruf für Deutschland sein. China plant von langer Hand, darauf sollten sich Bundesregierung und Unternehmen vorbereiten. Die deutsche Hightech-Strategie bietet eine überzeugende Grundlage für Innovationspolitik. Doch die Investitionen in Forschung und Entwicklung müssen auf einem hohen Niveau bleiben und dürfen nicht zugunsten anderer Anliegen gekürzt werden. Zudem reicht es nicht aus, führende Technologien zu entwickeln. Deutsche Unternehmen müssen auch stärker als bisher neue Innovationen vermarkten. In wichtigen Technologiefeldern wie der Mikrosystemtechnik darf Deutschland nicht ins Hintertreffen geraten.