Er wird als "Bahnsinniger" verfemt, und das gehört noch zu den netteren Beleidigungen. Was hat dazu geführt, dass die Öffentlichkeit sich so eingeschossen hat auf Claus Weselsky, den Boss der Lokführergewerkschaft GDL, der gerade die neunte Streikwelle gegen die Bahn startet?

1) Die Deutschen haben zur Bahn ein besonderes Verhältnis

Weselsky hat sich ein Unternehmen zum Feind gemacht, zu dem viele Deutsche ein besonderes, ein besonders schwieriges Verhältnis haben. Das belastet auch das Verhältnis der Öffentlichkeit zu Weselsky. "Wer Bahn fährt, hat das Gefühl, in ein fremdes Räderwerk zu geraten", sagt Stephan Grünewald, Leiter des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. "Die Streiks verstärken das Grundgefühl, die persönliche Autonomie zu verlieren. Die Menschen fühlen sich komplett ausgebootet." Zudem hätten die Deutschen zum Konzern "kein normales Dienstleistungsverhältnis": Die Bahn werde als staatlich-väterliche Institution und Teil des nationalen Besitzstandes wahrgenommen. "Ein Streik wird zwar als verbrieftes Recht akzeptiert, wirkt unbewusst aber wie ein Liebesentzug", sagt Grünewald.

2) Weselsky taugt nicht zum Sympathieträger

Der GDL-Vorsitzende ist kein Schulterklopfer. Er ist den Deutschen nicht als kumpeliger Typ aufgefallen, sondern als jemand, der seine Gewerkschaft nach innen genauso führt, wie er sie nach außen vertritt: kompromisslos. Konkurrenten und Kritiker seines Kurses hat er rausgeworfen oder an den Rand gedrängt. Für Journalisten, die negative Zitate für Porträts brauchen, gibt es längst mehr als genug Stichwortgeber in seinem Umfeld.

Auch wenn es niemand offen zugibt: Weselskys unüberhörbarer sächsischer Akzent hat seinem Image nicht gerade geholfen. Das Sächsische wird gerade im Westen eher verspottet. Und dass nun ausgerechnet ein "Ossi" den härtesten Arbeitskampf der letzten Jahre durchsteht, scheint einige zu irritieren. "Ostdeutsche Männer gelten als solidarisch", erklärt Grünewald. Unbewusst herrsche das Bild vor, dass Ostdeutsche sehr kollegial und harmonisierend seien. Mit diesen Erwartungen breche Weselsky. "Seine finstere Entschlossenheit fällt so umso stärker ins Gewicht."

Ob er nun ungeschickt beraten ist oder ihm schlicht das Gefühl für den Moment fehlt: Immer wieder kommt Weselsky nicht wie ein Gewerkschafter rüber, der für die große, gute Sache kämpft, sondern wie jemand, der vor allem seine Macht ausspielt. Als im November das Frankfurter Landesarbeitsgericht einen GDL-Streik erlaubte, sagte Weselsky den Ausstand direkt wieder ab – 15 Minuten nach Bekanntgabe des Urteils. Das kam nicht wie eine "Versöhnungsgeste" rüber (wie Weselsky es nannte), sondern eher wie eine Demütigung für die Bahn und die Konkurrenzgewerkschaft EVG. "Zuerst bekam er das Recht. Dann war er gnädig. Von nun an sind das Unternehmen Deutsche Bahn und Millionen Fahrgäste nur von einem abhängig: der Gnade Claus Weselskys", kommentierte der stern damals.


3) Opfer der sozialen Medien

In den neunziger Jahren wäre ein Streikaufruf beim normalen Deutschen durch die Tagesschau oder die Zeitung am nächsten Morgen angekommen. Heute haben Soziale Medien wie Twitter eine Katapultwirkung, weil sie Unterstützer und Gegner von Weselsky sekundenschnell unter Hashtags wie #gdlstreik versammeln können. Die Empörung findet einen sich selbst verstärkenden Resonanzraum, auch in den Kommentarbereichen der großen Onlinemedien (auch bei ZEIT ONLINE).