Es sind Monate der Sorge: Vom April vergangenen Jahres an fiel die Inflationsrate im Euroraum; im Januar 2015 lag sie gar bei minus 0,6 Prozent. Für Verbraucher mag das verlockend klingen. Doch Experten fürchten sinkende Preise, denn eine dauerhaft negative Inflationsrate, also eine Deflation, kann eine verheerende Wirkung auf die Wirtschaft haben.  

Seit Kurzem passiert nun etwas: Monat für Monat klettert die Inflationsrate immer ein Stückchen weiter aus dem roten Bereich heraus, bis sie im April wieder exakt bei 0,0 Prozent angekommen ist. 

Ist das ein erstes Zeichen dafür, dass die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) jetzt schon wirkt – und so schnell wie möglich beendet werden sollte? Unter Ökonomen tobt ein Streit. Die Standpunkte sind grundsätzlich, die Gräben tief.

Seit etwas mehr als zwei Monaten kauft die EZB nun schon Staatsanleihen der Euroländer, um den Krisenländern aus dem wirtschaftlichen Tal zu helfen. Quantitative Easing (QE) heißt das Programm im Expertensprech. Noch bis September 2016 soll es andauern, dann will die Notenbank Papiere für 1140 Milliarden Euro gekauft haben. 

Die Idee dahinter: QE spült Geld in die Kassen der Banken, schließlich kauft die EZB die Anleihen nicht direkt bei den Staaten, sondern bei den Geldhäusern. Dadurch sollen diese mehr Kredite vergeben. Das würde die Konjunktur im Euroraum ankurbeln und nebenbei auch die Inflationsrate in Richtung jener knapp zwei Prozent drücken, die sich die Notenbank als Ziel ihrer Politik vorgenommen hat. 

Die große Frage ist, ob das Milliardenprogramm der EZB innerhalb von nur wenigen Monaten wirken kann. Und falls QE tatsächlich dafür verantwortlich ist, dass die Inflationsrate binnen kürzester Zeit um 0,6 Prozentpunkte gestiegen ist – müsste die Notenbank den Ankauf von Staatsanleihen dann nicht jetzt schon wieder zurückfahren, um den Preisanstieg nicht zu übertreiben? 

Ganz so eindeutig ist der Befund nicht. Nur in den Details sind die Experten sich einig: Der Inflationssprung liegt vor allem am gestiegenen Ölpreis. Ein Fass des Rohstoffes kostet rund 20 Dollar mehr als noch vor wenigen Wochen, was unter anderem die Importe in die Eurozone verteuert. Und auch die Kreditvergabe kommt noch nicht so richtig in Schwung. Zu viele Unternehmen sind noch verschuldet oder haben wegen anderer Ursachen keinen Bedarf an frischem Geld.    

Kein Grund, Ruhe zu bewahren

Ein Grund zur Beruhigung sei das aber nicht, sagt Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "In der aktuellen Situation ist die Politik der EZB besonders gefährlich", warnt der Ökonom. Kooths fürchtet, dass die Anleihekäufe der EZB die Inflation zu sehr befeuern. Der Mechanismus ginge so: Weil die Wirtschaft in der Eurozone nach Jahren der Rezession wieder wächst, geben Unternehmen und Verbraucher mehr Geld aus, und Schuldner können ihre Kredite schneller bedienen. Auch die Kreditnachfrage steigt. Deshalb kommt immer mehr Geld in Umlauf – und dadurch steigt die Inflation, auch ganz ohne Quantitative Easing.

Das viele Zentralbank-Geld verstärke den Preisanstieg dann noch, sagt Ökonom Kooths. "Die EZB erhöht mit ihrer Politik das Risiko einer zu hohen Inflation in der Zukunft."

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, ist nicht ganz so radikal. Die Politik der Zentralbank helfe den südeuropäischen Krisenländern, sagt er. Doch wie Kooths sieht auch Sinn die Gefahr einer sogenannten Asset-Price-Inflation, also stark steigender Preise von Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien. Weil das viele Geld der EZB die Zinsen etwa von Sparbüchern und Staatsanleihen drückt, kaufen viele Investoren auf der Suche nach höheren Renditen jetzt Wertpapiere. Das lässt die Kurse steigen; zum Beispiel legte der Aktienindex Dax in nur wenigen Monaten um rund 3.000 Punkte zu. So kann eine Blase entstehen, die – sobald sie platzt – zu einer neuerlichen Rezession führen würde. 

Überhitzen die Börsen?

Sinn fürchtet ein weiteres Risiko: Unternehmen, die Wertpapiere besitzen, erzielten durch den Kursanstieg rechnerisch sogenannte Buchgewinne, die sie eigentlich gar nicht erwirtschaftet haben. Die Überschüsse schütten sie an ihre Anteilseigner aus, und reduzieren so ihr – nur rechnerisch gestiegenes – Eigenkapital wieder auf Normalniveau. Doch sobald die Aktienkurse wieder auf ein angemesseneres Niveau fallen, könnte diesen Unternehmen Eigenkapital fehlen, und sie gerieten womöglich in Schwierigkeiten. 

Das Risiko einer zu hohen Inflation und einer Blase am Aktienmarkt: All das könnten Gründe sein, das QE-Programm eher früher als später zu beenden. Technisch wäre das für die EZB sehr einfach. Sie müsste die erworbenen Staatsanleihen entweder verkaufen, oder schlicht keine neuen Papiere kaufen, wenn Euroländer ihre Schulden an sie zurückzahlen. In beiden Fällen behielte die Zentralbank Geld bei sich und entzöge es so der Wirtschaft.