Wie unberechenbar die Arktische See ist, hat der Ölkonzern Shell bereits vor drei Jahren erfahren. Weihnachten 2012 wollte Shell seine Bohreinheit Kulluk einmal quer durch den Golf von Alaska nach Seattle im US-Bundesstaat Washington an der Westküste schleppen.

Die 3.000 Kilometer lange Reise schaffte die Kulluk nur zu einem Bruchteil. Schwere Winterstürme und fast zehn Meter hohe Wellen stoppten den Transport. Die Crew musste per Helikopter evakuiert werden, die Plattform riss sich vom Schlepper los und trieb unkontrolliert durch die schwere See, bevor sie am Ende an einer Küste strandete. 

Im Untersuchungsreport, den die US-Küstenwache danach erstellt hat, ist von "schlechtem Risikomanagement" und einer "beachtlichen Anzahl von Gesetzesverstößen" die Rede. Der niederländisch-britische Ölkonzern gab sich nach der Havarie reumütig und wollte vorerst von Ölbohrungen in der sensiblen Region absehen. Besonders peinlich war es für Shell, als der Anlass der Plattformreise durch den Untersuchungsbericht publik wurde: Der Konzern wollte durch den Ortswechsel der Plattform gen Süden Steuern sparen: Alaska war zu teuer.

Jetzt ist es mit der Zurückhaltung vorbei. Am Montag hat eine US-Behörde Shell unter Auflagen zwei Öl- und Gasbohrungen in der Tschuktschensee zwischen den USA und Russland erlaubt. Die Genehmigung steht unter Vorbehalt, vorher muss Shell eine Art Umweltverträglichkeitsprüfung machen und die Folgen für die Tierwelt untersuchen lassen. Ein Shell-Sprecher teilte mit, die Entscheidung zeige "das Vertrauen, das die Aufseher in unseren Plan haben".

Wegen des Klimawandels ist die Arktis im Sommer länger eisfrei. Das macht sie attraktiver, nicht nur als Transportroute, sondern auch für Rohstoffkonzerne. Die Region ist politisch stabil, die Gewässer relativ flach. Shell ist nicht das erste Unternehmen, das in den Gewässern nach Öl und Gas sucht und dort bereits Milliarden investiert hat. Vor der russischen Küste ist etwa Gazprom aktiv, bis vor Kurzem noch unterstützt vom US-Konzern ExxonMobil, der seit den Ukraine-Sanktionen ausgestiegen ist. Die Unternehmen hoffen dort auf bislang unentdeckte Öl- und Gasvorkommen, und damit auf Milliardengewinne.

Risiko kaum beherrschbar

Auch wenn die US-Regierung in den vergangenen Monaten die Sicherheitsauflagen für die Öl- und Gasindustrie verschärft hat: Gerade die Abgeschiedenheit der Region sorgt für Empörung unter Umweltschützern. Die Tschuktschensee steht zwar nicht unter einem besonderen Schutzstatus, aber in der Region leben zahlreiche Wale, Walrosse und Robben. Die Arktis gilt als letzte große Wildnis der Welt. Nur wenige Sommermonate ist das Meer hier eisfrei, nur dann wird Shell nach Öl und Gas bohren können.

"Die extremen Bedingungen der Arktis machen einen Ölunfall sehr wahrscheinlich", sagt Greenpeace-Aktivistin Larissa Beumer. Sie verweist auf eine Studie einer US-Behörde – ausgerechnet der, die nun die Bohrung erlaubt hat –, welche die Wahrscheinlichkeit für einen oder mehrere schwere Unfälle vor Ort auf 75 Prozent schätze. Auch der Hamburger Energiefachmann Steffen Bukold warnt: "Öl- und Gasbohrungen in dieser Region sind nie vollständig beherrschbar."