Sebastian Thrun strahlt von einem Ohr zum anderen, als er mich an der Tür der luftigen Büroetage in Mountain View, Silicon Valley, begrüßt. "Willkommen im Paradies!" Damit spielt er wohl auf meinen Umzug in die Bay Area an. Er könnte mit dem Paradies aber auch sein eigenes Reich meinen, die Firma Udacity.

Es läuft gut für ihn im Moment, gerade hat Thrun 35 Millionen Dollar an Investorengeldern eingesammelt, unter anderem vom deutschen Medienkonzern Bertelsmann. Dafür, dass er hier die Universität neu erfinden will.

Vor knapp einem Jahr habe ich ihn schon einmal besucht, damals sah die Zukunft für die Firma gar nicht so rosig aus. Natürlich hat er mir das nicht erzählt, aber in den Büros war es doch eher ruhig. Die Anfangseuphorie über die sogenannten Moocs (massive open online courses), die auch ich mit geschürt hatte, war vorüber. Thrun selber hatte in einem Interview mit der Zeitschrift Fast Company bekannt, er und seine Kollegen in den anderen Bildungs-Start-ups machten mit ihren kostenlosen Bildungsangeboten einen "lausigen Job". Zwar schnupperten Millionen in die Netzvorlesungen hinein, aber neun von zehn Freizeitstudenten brachen die Kurse auch wieder ab. Vielleicht wollten sich die Massen gar nicht bilden lassen? Geld war mit diesem Konzept jedenfalls nicht zu verdienen.

Jetzt haben hier rund 150 Mitarbeiter offenbar alle Hände voll zu tun, das Udacity-Bildungsprogramm weiterzuentwickeln. Es hat sich etwas verändert.

Wir gehen durch die Büros und Gemeinschaftsräume, Fahrräder hängen an den Wänden. Natürlich gibt es hier, valleyüblich, rund um die Uhr für alle kostenlose Verpflegung, von Sushi bis Eis. Thrun zeigt mir stolz die neuen Aufnahmestudios, wir suchen uns eine ruhige Ecke zum Reden. Was war da los vor einem Jahr?

"Es gab Momente, die sich nicht so gut angefühlt haben", gibt Sebastian Thrun zu. Der Deutsche hatte immerhin zwei Bilderbuchkarrieren an den Nagel gehängt – die Position als Professor für Künstliche Intelligenz an der Stanford-Universität sowie den Titel des Google-Forschungschefs, den er für die Entwicklung des selbstfahrenden Autos bekommen hatte.

Aber lange Zerknirschung ist nicht sein Ding. "Jede Firma im Silicon Valley entwickelt sich weiter", sagt der 48-Jährige. Für den in Solingen geborenen Informatiker hieß das: mit den luftigen Träumereien aufhören und die harten Daten über den Onlinebildungsmarkt analysieren. Das führte zu mehreren Erkenntnissen: Erstens, die Firmen im Silicon Valley suchen händeringend Leute, die moderne Computertechniken beherrschen. Zweitens, diese Techniken werden an den Hochschulen kaum gelehrt, weil die Dozenten aus einem anderen Zeitalter stammen. Drittens, die Lehre allein über Onlinevorlesungen funktioniert nicht, selbst motivierte Studierende müssen bei der Stange gehalten werden durch Projektarbeit und Betreuung in Kleingruppen. Und viertens, wer sich nach einem erfolgreich absolvierten Onlinekurs Hoffnungen auf einen besseren Job machen kann, der ist auch bereit, dafür zu bezahlen.

Nanodegree für 200 US-Dollar

Und damit war die Idee der Nanodegrees geboren. Der Bildungskatalog von Udacity umfasst heute hauptsächlich sehr spezielle Angebote wie "Entwicklung von Android Apps" (in Zusammenarbeit mit Google) oder "Front End Web Developer" (mitentwickelt von dem Telekomkonzern AT&T). Gezielte Weiterbildung nach den Bedürfnissen der Industrie also, die im Gegenzug sogar feste Stellen für die Inhaber der Udacity-Nanodegrees frei hält. Unter solchen Bedingungen zahlen die Studierenden gern den Monatsbeitrag von 200 Dollar.

Und was ist aus der hehren Idee der "Kostenlosen Bildung für alle" geworden, rund um den Globus? Thrun wird unruhig, wenn man ihm unterstellt, nur im Dienst von Google und Co. unkritischen Programmierer-Nachwuchs heranzuzüchten. "Nach wie vor ist alles, was wir machen, kostenlos verfügbar", beteuert er, nur für die Betreuung und das Zertifikat müsse man zahlen. Und in seiner Vision wird Udacity eines Tages die Universität des Silicon Valley sein, die auch Soft Skills vermittelt, das Denken in historischen, kulturellen und sozialen Dimensionen.

Die Universität seiner Träume würde Studierende zu umfassend gebildeten "Staatsmännern" (und -frauen) erziehen, erzählt Thrun. Eigentlich ein geradezu humboldtsches Bildungsideal, gemünzt aufs Internetzeitalter. "So weit ist meine Firma noch nicht", gibt er indes zu, als wir uns verabschieden. Staatsmann ist eben kein Nanodegree.