Wenige Monate nach dem katastrophalen Erdbeben in Haiti, das Hunderttausende Menschen das Leben kostete und weit mehr als eine Million obdachlos werden ließ, gab Gail McGovern ein großes Versprechen. McGovern ist die Chefin des Roten Kreuzes in den USA, und am 12. Mai 2010 war sie in die Abendnachrichten des Senders CBS geladen. Dort sollte sie Auskunft geben über die Verwendung der Spenden für Haiti. Würde wirklich alles bei den Erdbebenopfern ankommen? "Ich gebe Ihnen mein Wort", erklärte McGovern, "und ich setze meine persönliche Ehre dafür ein: Von jedem Dollar werden neun Cent für Verwaltungskosten gebraucht, aber 91 Cent werden nach Haiti fließen."

Fünf Jahre später legt ein aktueller Report nahe, dass sie ihr Wort nicht halten konnte. Die Kritik könnte härter nicht sein: Das Amerikanische Rote Kreuz habe damals fast eine halbe Milliarde Dollar an Spenden für Haiti gesammelt, schreiben Justin Elliott, Reporter bei ProPublica, und Laura Sullivan vom National Public Radio – doch am Ende sei kaum mehr dabei herausgekommen als der Bau von sechs Häusern.

Für ihre Recherchen haben die beiden Reporter Haiti besucht. Zum Beispiel das Viertel Campeche in der Hauptstadt Port-au-Prince. Dort sollte eines der größten Hilfsprojekte des Amerikanischen Roten Kreuzes eine völlig neue Nachbarschaft entstehen lassen: 700 Häuser mit soliden Böden, Duschen und Toiletten, mit einem Auffangsystem für Regenwasser, mit Wasser-, Strom- und Abwasseranschluss. Die Übergabe an die Bewohner war für Januar 2013 geplant, wie von ProPublica veröffentlichte Dokumente belegen. Doch die Reporter fanden nur provisorisch zusammengezimmerte Wellblechhütten ohne jeden Anschluss an die öffentliche Infrastruktur.

Ein weiteres Projekt im Norden Haitis sollte eine bessere Wasser- und Abwasserversorgung schaffen und so helfen, häufige Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Aber internen Dokumenten zufolge "leistete es keinen Beitrag, welcher Art auch immer, zum Wohlergehen der Haushalte". Auch die Hilfe gegen die Cholera-Epidemie, die nach dem Beben von UN-Truppen aus Nepal nach Haiti eingeschleppt wurde, kam nur langsam voran.

Das Rote Kreuz selbst nennt hingegen Zahlen, die den eigenen Erfolg belegen sollen. Man habe 3,5 Millionen Haitianern geholfen, sich vor der Cholera zu schützen, 98 Millionen Dollar für die Gesundheitsversorgung ausgegeben, und unterstütze 388.000 Menschen dabei, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, schreibt die Organisation auf ihrer Homepage. Insgesamt habe man 4,5 Millionen Hilfsbedürftige erreicht. Das wäre fast die Hälfte aller Einwohner Haitis.

Justin Elliott und Laura Sullivan bezweifeln das stark. "Unser Bericht zeigt, dass weniger Geld bei den Bedürftigen ankam, als das Rote Kreuz sagte", schreiben sie. Anders als versprochen gebe die Organisation auch keine detaillierte Auskunft über die Verwendung der Mittel. Die beiden Reporter schätzen, dass statt der versprochenen 91 Prozent allenfalls 60 Prozent der Spenden bei den Erdbebenopfern in Haiti angekommen sind. Unter anderem, weil das Rote Kreuz Aufträge an lokale Organisationen vergab, die Geld für ihren eigenen Verwaltungsaufwand abzwackten – Geld, das letztlich der Katastrophenhilfe fehlte.

Das Versprechen: "Build back better"

Allerdings: Unter Hilfsorganisationen ist durchaus üblich, mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten – weil diese sich lokal oft einfach besser auskennen. Und nicht nur das Amerikanische Rote Kreuz hatte nach dem Beben Schwierigkeiten, seine Versprechen für Haiti zu halten.

Weltweit wurden mehr als fünf Milliarden Dollar für die Opfer des Erdbebens gespendet. Man wollte ein neueres, besseres Haiti aufbauen: "Build back better", hieß der Slogan der internationalen Helfer. Doch sie alle stießen an Grenzen, und manchmal richteten sie Schaden an – wie am eindrücklichsten der Ausbruch der Cholera belegt, die in Haiti vor dem Beben praktisch nicht mehr vorgekommen war. Werden die Kranken gut und schnell mit Wasser, Salzen und Antibiotika versorgt, muss Cholera nicht tödlich sein. In Haiti aber starben nach dem Beben Tausende daran.

Manche der schnell eingeflogenen ausländischen Helfer wussten wenig über Haiti. Das führte zu Missverständnissen und Reibereien – so auch im Fall des Roten Kreuzes, wie Elliott und Sullivan berichten. Die Organisation habe zu viele Aufgaben an Angestellte aus dem Ausland übertragen, die weder Französisch noch das in Haiti gebräuchliche Kreolisch sprachen – und offenbar eine große Portion Überheblichkeit gegenüber ihren haitianischen Mitarbeitern mitbrachten, was manche von diesen zur Kündigung trieb. Auch das belegen die beiden Reporter mit internen Dokumenten des Amerikanischen Roten Kreuzes.

Ein weiteres Problem waren fehlende Landrechte. Die geplanten Häuser konnten in vielen Fällen nicht gebaut werden, weil die Eigentümer der Grundstücke nirgendwo registriert waren – dieses Problem hatten ebenfalls alle Hilfsorganisationen. Es scheint auch der Grund dafür zu sein, dass in Campeche wohl nichts mehr gebaut werden wird.

Das Amerikanische Rote Kreuz verteidigt sich gegen die Vorwürfe: "Wie viele (traf auch) das Amerikanische Rote Kreuz auf Komplikationen", erklärte die Organisation gegenüber ProPublica. "Das hatte unter anderem mit der verzögerten Koordination durch die Regierung zu tun, mit Streit über Landeigentum, Verzögerungen am Zoll, der Herausforderung, qualifiziertes Personal zu finden, das knapp und sehr nachgefragt war, und mit dem Ausbruch der Cholera."