Die Energiewende bringt Europas Energieversorger an ihre Belastungsgrenze. Laut einer Studie der Londoner Carbon-Tracker-Initiative haben die fünf größten, börsennotierten Stromkonzerne in Europa von 2008 bis 2013 insgesamt 100 Milliarden Euro ihres Börsenwerts verloren. Genauer: 37 Prozent. EDF und GdF Suez aus Frankreich, Enel aus Italien sowie die deutschen Unternehmen RWE und E.ON wurden im gleichen Zeitraum von der Rating-Agentur Moody's mehrmals in ihrer Bonität herabgestuft. Die Unternehmen erzeugen rund 60 Prozent der Energie in Europa.

Galten Energieversorger noch vor Jahrzehnten für Anleger als sichere Wertanlage mit garantierten, hohen Dividenden, so hat sich die Situation mittlerweile deutlich verändert. Während der Deutsche Aktienindex in den Jahren 2008 bis 2013 trotz Finanzkrise um insgesamt 18 Prozent stieg, verzeichnete der MSCI Europe Utilities Index, der die wichtigsten Energieversorger Europas abbildet, einen Einbruch von 48 Prozent. Unternehmen wie Enel, die im Vergleich zu anderen Versorgern stärker auf die Erneuerbaren gesetzt haben, schneiden vergleichsweise besser ab. Besonders stark getroffen ist RWE, das noch immer vor allem auf Braunkohle setzt.

Die von Carbon Tracker zusammengetragenen Zahlen, die auf Daten des Finanzdienstes Bloomberg basieren, werden die aktuellen Diskussionen über die ökonomischen Folgen der Energiewende weiter anheizen. Ob auf dem G-7-Gipfel an diesem Wochenende oder Ende des Jahres in Paris auf der großen Klimakonferenz der Vereinten Nationen: Klimaschutz-Initiativen wie Carbon Tracker wollen Finanzmärkte und Unternehmen für das Thema Klimaschutz sensibilisieren und trommeln zurzeit immens für das Thema. Ihre Botschaft: Auf Kohle zu setzen, gefährdet nicht nur das Klima, sondern macht auch ökonomisch keinen Sinn mehr. Investoren sollten gewarnt sein, sagt Studienautor Matthew Grey. "Wer weiterhin auf den Bau neuer Kohlekraftwerke Wetten abschließt, wird zu den Verlierern gehören."

Vor wenigen Tagen erst hat der Finanzausschuss des norwegischen Parlaments Big Oil unter Druck gesetzt: Norwegens Staatsfonds, immerhin der größte der Welt, soll zukünftig nicht mehr in Unternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent des Umsatzes mit Kohle erzielen. Eine Zustimmung des Parlaments gilt als sicher.

Dass Investoren mit "signifikanten Risiken" rechnen müssen, wenn sie in etablierte Energiekonzerne investieren, liegt vor allem am auslaufenden Geschäftsmodell in Zeiten der Energiewende. An den Börsen lässt Ökostrom die Großhandelspreise einbrechen, denn immer mehr Wind- und Solarstrom ist im Netz, es kommt zu Überkapazitäten. Die Unternehmen reagieren nur zögerlich und nehmen bislang vor allem teure, aber innovative Gas-und Dampfkombikraftwerke wie das E.ON-Kraftwerk in Irsching vom Netz. In dem Zeitraum 2008 bis 2013 baute RWE sogar noch seine Kohlekraft-Kapazitäten um 18 Prozent aus – während die Energienachfrage in den Jahren bereits um 3,3 Prozent zurückging und die Wirtschaft wuchs.

Für Moorburg sieht es düster aus

Besonders dramatisch soll es nach Carbon-Tracker-Zahlen um das Vattenfall-Kohlekraftwerk in Moorburg stehen. Selbst im optimistischen Szenario für RWE –niedrige CO2-Preise und ein hoher Auslastungsgrad – werde Moorburg es kaum mittelfristig schaffen, schwarze Zahlen zu schreiben und die Investitionskosten von rund drei Milliarden Euro wieder einzufahren, so die Studie. Die Autoren sprechen von einem stranded investment, einer Investitionsruine.

Ein Problem allerdings bleibt: Bislang liefert gerade die deutsche Regierung den Unternehmen kaum Hinweise, wie sie den Strommarkt in den kommenden Jahren umbauen und zugleich die Klimaschutzziele erreichen will. Eine Klimaschutzabgabe für besonders dreckige Meiler, die Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Spiel gebracht hatte, wird von den Gewerkschaften vehement bekämpft. Die Reform des Europäischen Emissionshandels, die es für höhere CO2-Preise dringend braucht, ist extrem mühselig und zäh. Unternehmen wie E.ON reagieren mit teils radikalen Maßnahmen und spalten ihr Geschäft mit den Fossilen und mit der Atomkraft von den Erneuerbaren ab. Die neuen Ökostromsparten könnten attraktiv sein für institutionelle Investoren wie Versicherungen oder eben den norwegischen Staatsfonds, hoffen die Carbon Tracker.